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28.06.2005, 23:31
[B]1. Je später der Abend (Januar 1977)[/B]
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, in Deutschland oder, wie wir es sagen, in der Bundesrepublik, ist es ruhig geworden um Sie...
KINSKI: Ich versteh die Frage nicht, es hat keinen Sinn darüber zu reden! Weil – ruhig – erstens bin ich nie geil danach gewesen, Schlagzeilen zu machen, außerdem - man kann keine Schlagzeilen in Amerika machen, wenn man im Allgäu ist, zum Beispiel, nicht? Ich versteh nicht, warum Sie sagen – na klar ist es ruhig um Sie! Wo Sie nicht sind, ist es ruhig um Sie! Ich verstehe die Aussage nicht, ist vollkommen sinnlos, ich weiß gar nicht, was Sie damit sagen wollen!
MÜNCHENHAGEN: Das war auch weniger als Aussage denn als Frage gemeint, ich sage das auch gerne noch mal deutlich, damit wir uns nicht falsch verstehen, da lag auch überhaupt kein Vorwurf drin, vielleicht habe ich Sie ja auch falsch verstanden…
KINSKI: Die meisten Menschen verstehen mich falsch!
MÜNCHENHAGEN: Lassen wir uns doch wenigstens den Versuch machen, ob wir es nicht doch schaffen, uns richtig zu verstehen! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch in Ihrem Buch...
KINSKI: Haben Sie das gelesen?
MÜNCHENHAGEN: Ich habe das gelesen!
KINSKI: Wie heißt denn das?
MÜNCHENHAGEN: Ist die Frage jetzt ernst von Ihnen?
KINSKI: Ja, im Ernst...
MÜNCHENHAGEN: Das Buch heißt, es sei denn, Sie hätten mehrere geschrieben, aber das Buch, das ich gelesen habe, heißt: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
KINSKI: Und ist erschienen...?
MÜNCHENHAGEN: ... bei welchem Verlag?
KINSKI: Ich habe dem Verlag versprochen, dass ich es immer wiederhole heute...
MÜNCHENHAGEN: Und wir haben es jetzt gesagt…
KINSKI: Es ist erschienen im Verlag Rogner und Bernhard...
MÜNCHENHAGEN: Und ich kann Ihnen sagen, was Herr Kinski Ihnen jetzt noch sagen möchte, dass die Leute dieses Buch kaufen müssen, weil es eines der besten ist, das man kaufen kann...
KINSKI: Sie müssen nicht, keiner muss irgendwas...
MÜNCHENHAGEN: Bei dem, was ich gelesen habe, gibt’s zwei, drei andere noch, die auch ganz gut sind, glaube ich...
KINSKI: Doch, natürlich, es gibt unheimlich viele Bücher! Deswegen kann ja mein Buch trotzdem gut verkauft werden, nicht?
MÜNCHENHAGEN: Wenn ich Sie richtig verstanden habe in Ihrem Buch, dann soll es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Sie selber gesagt haben: Die Art und Weise, wie ich bisher gelebt habe, war falsch, ich will ruhiger und auch anders leben!
KINSKI: Okay, das haben Sie mit Sicherheit nicht falsch verstanden, aber das Buch ist im Telegrammstil geschrieben, das heißt, man kann nicht alles sagen, was man sagen will, sonst werden es dreitausend Seiten, und es waren auch dreitausend Seiten, und der Verlag meinte, es wär zu dick! Es kommt auch auf die Intepretierung an, nicht? Man muss bei allem, was so schnell und im Telegrammstil geschrieben ist, zwischen den Zeilen lesen: Dabei habe ich den Kommentar ausgelassen zu der Geschichte, was eigentlich Beruf ist! Es ist eine lange Geschichte, da würden die Leute einen dicken Kopf kriegen! Ich habe gesagt, ich habe die Schnauze voll von dem, was ich gemacht habe, das heißt aber nicht, dass ich so wahnsinnig an Minderwertigkeitskomplexen leide, dass ich sagen würde, ich hätte nur Scheiße in meinem Leben gemacht, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Also nicht so sehr stimmt das, was Sie ohne Ihre Schuld so verstanden haben, es stimmt nicht, dass ich meinen Beruf und meine Berufung falsch aufgefasst hätte, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Sondern dass ich seit langer Zeit danach suche, warum ist man eigentlich Schauspieler, aus welchem Grund, wie auch immer! Das heißt, es schließt all die Fragen und Antworten ein: Was können Sie? Alles! Es schließt dabei auch ein – diese dumme und wirklich beschränkte Uniformiertheit in Deutschland, diesen Kasernenhof-Jargon, den eine Zeitung von der anderen übernimmt: Der vom Dienst, der Mörder vom Dienst, der Verbrecher vom Dienst. Neulich bin ich irgendwo vorüber gekommen, da habe ich gelesen: Der jugendliche Diaboliker. Gut, Sie lachen darüber – ist mir scheißegal, ein Diaboliker vom Dienst oder Verbrecher vom Dienst oder Mörder vom Dienst oder das oder das zu sein! Ich könnte dieselbe Antwort geben: Alles! Wenn man wirklich Schauspieler ist, so ist man alles! Man kultiviert oder, wie sagt man, bringt es zum Wachsen in sich! Ein englischer Schauspieler, der größte Schauspieler aller Zeiten hat gesagt: Ich spiele nicht, ich bin das - und deswegen bin ich nichts! Und er ist sein ganzes Leben lang von dieser Qual besessen gewesen! Für mich war der Grund immer viel wichtiger: Warum bin ich das? Es ist einfach ungesund, insane...
MÜNCHENHAGEN: Ich wollte genau in die Richtung, Herr Kinski, lassen Sie mich von der Stelle kommen! Ich wollte überhaupt nicht auf die beknackten Klischees mit dem Mörder vom Dienst hinaus, das hat man nun oft genug lesen können! Ich wollte was anderes wissen. Nochmal mit der Vorbemerkung – ich glaube, ich weiß sogar, auf welcher Seite ich das gelesen habe, da sagen Sie in Ihrem Buch, ich bin so voll von Liebe, dass ich immer wieder ausströme... also jetzt in meinen Worten.
KINSKI: Mhm...
MÜNCHENHAGEN: Wenn man die Reaktionen darauf verfolgt...
KINSKI: Die Frage ist nicht fair, ob nun vor einem Millionenpublikum oder allein in einem Zimmer, es wäre nicht fair, wenn man dem anderen nicht zugestehen würde, um die Frage richtig zu verstehen, jederzeit mit einer Gegenfrage zu unterbrechen: Was meinen Sie denn eigentlich mit der und der Frage? Ich glaube, es wäre sehr gesund, wenn man sich überhaupt nur auf diese Weise unterhalten würde, um die ganzen Missverständnisse nach und nach auszuschalten! Was meinen Sie damit?
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich habe versucht, Sie sinngemäß zu zitieren, jetzt fragen Sie mich, was ich damit meine, das verstehe ich nicht!
KINSKI: Nein, wiederholen Sie Ihre Frage, nein, nein! Sie haben mich hierhin gesetzt, Sie haben diesen Satz von mir sinngemäß wiederholt – wenn auch nicht ganz präzise, aber ist egal – um mir eine Frage damit zu stellen, um eine Antwort von mir zu erfahren, ja, und ich bitte Sie, Ihre Frage zu wiederholen, weil ich die Frage so nicht beantworten kann...
MÜNCHENHAGEN: Das will ich gern tun! Meine Frage war: Wenn es so ist, dass Sie von so viel Geben an Liebe auf diese zum großen Teil dümmlichen Reaktionen gestoßen sind, ist dann Ihr Geben an Liebe nicht immer sehr viel mehr gewesen als das, was Sie empfangen haben?
KINSKI: Ich weiß jetzt, warum ich Sie unterbrochen habe, ich habe Sie zu früh unterbrochen, es war mein Fehler! Sie haben gesagt: Wie man auch immer darauf reagiert hat... wer? Das ist nämlich die Frage? Wer?
MÜNCHENHAGEN: Ich meine zum Beispiel das Publikum auf Ihren Tourneen, ein Publikum, das Sie ja größtenteils...
KINSKI: Ich will hier keinen Kniefall vor dem deutschen Publikum machen, aber ich muss sagen, dass ich hoffe, dass uns hier und heute möglichst viele zusehen, denn ich muss sagen, dass das deutsche Publikum eins von den großartigsten und fantastischsten ist und speziell in meinem Fall war - jetzt habe ich aufs Mikrofon gehauen, ist egal! Ich weiß gar nicht, worauf Sie hinauswollen - Moment, ich will dem gleich vorausgreifen, damit wir nicht so viel Zeit verlieren mit Dingen, die nicht stimmen, außerdem sind die auch nachweisbar - ich habe auf den Tourneen.... da ist ja auch wieder so ein Witzbold! Mir hat vorhin jemand hinter den Kulissen gesagt, dass die Leute sich unheimlich drängeln - und ich hoffe, dass Sie das Maul halten, sonst geh ich nämlich, und die Show ist ja dazu da, dass wir hier sind, oder? Na also, dann seien Sie doch gefälligst ruhig! Sie sind einer von diesen Leuten, Sie und dieser Münchhausen oder Münchenhagen oder wie der heißt... Ich werde Ihnen mal etwas sagen, ich werde IHNEN mal etwas sagen: Eine von den letzten Tourneen, die ich gemacht habe, nicht die letzte, aber eine von den letzten, war die Tournee mit den klassischen Monologen im Berliner Sportpalast vor viereinhalbtausend oder fünftausend Besuchern: Da haben die Leute sich meinetwegen blutig geschlagen. Ich musste bis morgens um zwei die Monologe wiederholen, weil die Leute nicht nach hause gegangen sind. Das ist also - es mangelt mir nicht an Bescheidenheit, auch leide ich nicht an Größenwahn, das gibt es nicht, ein Beispiel dafür! Einer war besoffen und wollte die Vorstellung stören und wurde rausgeschmissen, und irgendwelche andere besoffene oder nicht besoffene gleichartige Idioten haben das als ein Alarmsignal empfunden, und einer von denen ist jetzt hier! Und mir würde er auch auf den Keks gehen! Das war sogar ziemlich schlecht organisiert, die Rolling Stones sind viel besser organisiert, als ich es war, weil - die würden ihn nun wirklich gleich zusammenschlagen, und ich finde es auch richtig, denn jemand, der eine Show macht, ist der Boss, und ich respektiere das ganz genauso, wenn ich zahlender Zuschauer bin, ich habe nie im Leben darüber diskutieren müssen! Wenn ich einen Husten hatte, bin ich zuhause geblieben, nicht nur um nicht die Vorstellung, sondern auch um den neben mir nicht zu stören: Ist eine Erziehungsfrage, verstehen Sie, eine Frage, wie man sich benimmt! Wenn jemand eine Show stört, welche Show auch immer, im Parlament, auf dem Fußballplatz, im Zirkus, wenn einer auf dem Seil lang läuft, oder in der Oper, ist ja allgemein bekannt, braucht man nicht immer wieder zu erklären, wird als selbstverständlich empfunden! Das ist nur so gratis! Wir waren noch viel zu gutmütig!
MÜNCHENHAGEN: Ich geh nicht davon aus, dass das Publikum bewusst stört. Aber das Publikum muss doch die Möglichkeit haben...
KINSKI: Nein, nein, das Publikum hat nicht die Möglichkeit zu stören, das ist ein ganz großer Irrtum! 99% der Zuschauer, größtenteils Erwachsene, auch Kinder, haben sich fantastisch benommen! Also wer hat jetzt recht? Der da - oder die anderen? Das ist ja einfach lächerlich, wenn wir darüber diskutieren, wer recht hat, nicht der Masse wegen, ich hab in Wien erreicht: Bei Vivaldi haben die Leute in der Oper gehustet, bei mir nicht, weil ich sage: Wenn ihr nicht aufhört zu husten, geh ich nach hause, mein Geld habe ich bereits! Und die Leute haben nicht gehustet bei mir, verstehen Sie? Vielleicht haben die Hustenbonbons!
MÜNCHENHAGEN: Das verstehe ich durchaus, dass Sie das stört, dass die Leute husten. Das ist überhaupt keine Frage. Aber die Leute müssen doch etwas anderes tun können, als Sie sich vorstellen, als die Schnauze zu halten...
KINSKI: Wozu? Ich habe nie gesagt: Kommt, kommt, lasset die Kindlein zu mir kommen! Habe ich nie behauptet, verstehen Sie? Man bezahlt dafür, hat da zu sitzen, und dann hat man sich auch dem anderen gegenüber neben sich anständig zu benehmen, ist doch völlig klar, oder brauchen wir da eine Diskussion drüber?
MÜNCHENHAGEN: Nein, darüber gibt’s keine Diskussion, dazu gibt’s vielleicht eine Frage...
KINSKI: Fragen gibt es immer, andauernd, endlos, Fragen, Fragen, Fragen... Ich frage auch unterbrochen!
MÜNCHENHAGEN: Eben.
KINSKI: Es ist nur die Frage, ob es eine Antwort gibt auf die Frage und ob die Antwort befriedigend ausfällt, das können Sie bei allen Gelegenheiten fragen! Das ganze Gesetz ist ja so aufgebaut, hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem 14jährigen Mädchen schlafen, und im Orient verheiraten die sich mit 11 Jahren, was ist das für ein Unsinn? Jeder versteht alles auf der Welt falsch! In Frankreich macht es einem Spaß, weil die Leute wirklich danach suchen, sich mit einem zu verständigen und nicht immer in irgendwelchen Müllkisten rumbohren, das ist alles so sinnlos!
MÜNCHENHAGEN: Im Moment bemühe ich mich nur darum, von Ihnen etwas rauszukriegen...
KINSKI: Ich will damit nur sagen, die Interpretation der Sprache wird mir immer klarer, wird immer mehr Teil von meinem Leben, die Erkenntnis: Die Sprache ist das Gefährlichste überhaupt, was es gibt, egal welche Sprache Sie sprechen! Das Missverständnis ist so permanent, ununterbrochen, bei einer ganz simplen Unterhaltung! Sie unterhalten sich mit mir ununterbrochen über Dinge, die eigentlich kleine Kinder längst wissen: Man stört den andern nicht, verstehen Sie?
MÜNCHENHAGEN: Stör ich Sie?
KINSKI: Nein, man stört keine Vorstellung! Sie sagen, die Leute haben doch recht und dürften doch und müssten doch – ja, was denn noch alles? Autos anstecken und so? Ich lese keine Zeitungen, aber...
MÜNCHENHAGEN: Aber woher wissen Sie es, wenn Sie keine Zeitung lesen?
KINSKI: Ich seh es auf den Straßen, in Paris, überall, wo ich bin! Man hat kein Recht, Ihr Auto umzustoßen, selbst wenn Sie nur ins Kino wollen, und man weiß ja noch nicht mal, wo Sie hinwollen, verstehen Sie?
MÜNCHENHAGEN: Ja...
KINSKI: Man darf das alles ungestraft...
MÜNCHENHAGEN: Das ist nicht wahr...
KINSKI: Doch. Ich will damit nur sagen, ich meine es nicht polemisch, sondern einfach, weil es einem auf die Nerven geht. Ich hoffe, dass Sie ein bisschen über mich wissen!
MÜNCHENHAGEN: Ich habe Sie doch gar nicht angegriffen...
KINSKI: Ich habe niemals in meinem Leben weder auf der Straße noch sonstwo über jemanden gelacht, ob nun einer noch so komisch gehinkt hat, ist mein gutes Recht, nicht? Wenn ich aber eine Vorstellung gebe und meine Leute neben mir habe, dann sage ich: Passt mal auf, da hinten steht einer... tragt den raus oder weißichwas... das ist noch sehr nett! Das ist noch sehr nett!
MÜNCHENHAGEN: Ich wollte Sie noch was anderes fragen, in der Hoffnung, dass wir uns nicht falsch verstehen...
KINSKI: Denn die Leute, die so stören, die tauchen ja immer nur im Plural auf, in der Mehrzahl, die existieren ja gar nicht im Einzelfall. Er hat sich ja auch nur zu Wort gemeldet, weil er die Chance einmal in seinem Leben hat, vor der Kamera zu sein! Ist ja gut, wenn Sie das so empfinden, dann kommen Sie her und unterhalten Sie sich mit Herrn Münchhausen! Ihr müsst ihm ein Mikrofon geben, ich verstehe ihn nicht! Übersetzen Sie’s!
MÜNCHENHAGEN: Einwurf ist so weit gestattet, Sie werden im Augenblick auch nicht rausgetragen, ich versprechs Ihnen... Nein, er beleidigt Sie nicht...
KINSKI: Ich kann Sie gar nicht so beleidigen, wie Sie mir auf den Wecker gegangen sind, unmöglich! Es hat Sie gar keiner gefragt, was wollen Sie überhaupt? Oder ist das eine Massendiskussion? Dann ist es okay, dann halte ich meinen Mund!
MÜNCHENHAGEN: Nein, das fände ich schade...
KINSKI: Ist ja nicht so, dass er sich unterdrückt fühlen soll, der Arme! Vielleicht laden Sie ihn das nächste Mal ein zu der Show! Ja! Ich habe einmal - einmal? Mehrmals! - in meinem Leben Journalisten zu Gast gehabt, fressen umsonst, saufen umsonst, sitzen in der ersten Reihe! Einer hat immer mit den Autoschlüsseln geklappert! Da habe ich gesagt: Hören Sie zu, alle - wenn er aufhört, mit den Autoschlüsseln zu klappern, werde ich die Vorstellung weitermachen - und bin gegangen! Und ich habe hinter der Bühne gesehen, wie die Leute hinter ihm ihn bedroht haben! Also wer hat jetzt recht? Wer ist der Volksaufputscher dabei und wo liegt die Moral?
MÜNCHENHAGEN: Volksaufputschen finde ich auch nicht schön, Fragen andererseits, finde ich, müssen gestattet sein...
KINSKI: Der kommt mir vor wie ein Polizist! Es ist ein großer Unterschied, ob einem etwas auf den Wecker geht - Fliegen zum Beispiel gehen mir unheimlich auf den Wecker, mir jedenfalls, ich kann Fliegen nicht ausstehen! Das heißt aber nicht, dass ich ihm eine klatschen will! Ich will sagen: Es ist relativ! Das ist so ein Fall, er ist völlig fehl am Platz, er hat sich eingemischt, ohne irgendeine Funktion zu haben, ist nicht mal schlimm, weil das hier nun wirklich nicht mein Laden ist... Ich bin hier Gast, nicht? Wenn Sie irgendwo Leute einladen zu einer Party oder was auch immer, dann sind Sie nett, logischerweise, man ist großzügig zu seinen Gästen und so. Wenn aber Leute kommen und stören, dann sagt man: Komm, komm, willst du auch was trinken? Hier! Aber geh mir nicht auf die Nerven!
MÜNCHENHAGEN: Der Unterschied ist nur: Mich hat er gar nicht so sehr gestört wie Sie!
KINSKI: Nein!
MÜNCHENHAGEN: Sie werten ihn unheimlich auf!
KINSKI: Hier wird immer alles so als Bonmots beklatscht, es werden die Worte so abgeschossen, dass man gar keine Zeit hat, diese zu untersuchen! Ich werte ihn nicht auf, ich mache ihn nicht wichtiger, als er ist! Es hat nur etwas zu tun mit unserer Unterhaltung! Sie haben mich ununterbrochen gefragt: Wieso darf ein Publikum nicht das oder das...? Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, es geht um die Vereinbarung, verstehen Sie? - Wir können gerne abbrechen, ich bin froh, wenn ich schlafen gehen kann, wirklich im Ernst!
MÜNCHENHAGEN: Nein, einen Moment müssen Sie bitte noch – oder sollten Sie bitte noch...
KINSKI: Fragen Sie die Engländer! Sie wissen es ganz genau, sie akzeptieren ein Spiel, dass wissen die ganz genau, und das ist ja auch schon ganz schön was!
MÜNCHENHAGEN: In England darf aber jederzeit einer aufstehen und was sagen!
KINSKI: Ja, Moment, nein!
MÜNCHENHAGEN: Doch!
KINSKI: Nein!
MÜNCHENHAGEN: Doch!
KINSKI: Nein! Ist nicht wahr, was Sie sagen! Wir haben von einem Abkommen gesprochen! Man muss in einem bestimmten Land bestimmte Regeln einhalten, die in diesem Land üblich sind! In Italien oder wo auch immer machen die Leute immer den Blinker, also machen Sie das auch, wenn Sie es nicht machen, gefährden Sie sich und die anderen! Verstehen Sie, das ist es, was ich sagen will! Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, ich habe doch die Möglichkeit etwas zu sehen! So viel Applaus gratis kriegt man normalerweise gar nicht, ohne dass man irgendwas tut...
MÜNCHENHAGEN: Sie haben doch eine ganze Menge davon gehabt!
KINSKI: Ja, aber ohne dass man irgendwas tut, ich tu ja nix...
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich möchte Sie noch was ganz anderes fragen: Wieso wollen Sie auf ein Schiff gehen und wegsegeln?
KINSKI: Genauso gut könnten Sie ein Tier im zoologischen Garten fragen, das die meiste Zeit seines Lebens im Käfig war, wieso es rauswill aus dem Käfig...
MÜNCHENHAGEN: Mit Tieren im zoologischen Garten ist es noch schwieriger, Gespräche zu führen als mit Ihnen! Und darum frage ich Sie!
KINSKI: Das ist Unsinn, das hat mit dem Ganzen, was ich gesagt habe, nix zu tun!
MÜNCHENHAGEN: Nein, nur mit dem, was ich gefragt habe!
KINSKI: Die Frage nehme ich Ihnen nicht übel, aber die kann nur kommen aus einer völligen Unkenntnis meiner Person, das ist kein Vorwurf gegen Sie, es kann mich niemand kennen, ich kenne mich selbst kaum...
MÜNCHENHAGEN: Aber so lange es noch andere Menschen gibt...
KINSKI: Die Frage ist völlig uninteressant, doch, sie ist wirklich uninteressant, das ist wirklich keine provozierende Antwort von mir! Ich habe, seit ich denken kann, an nichts anderes gedacht, als irgendwohin auf irgendeine Art abzuhauen!
MÜNCHENHAGEN: Das kann ich doch nicht wissen, deshalb frage ich doch...
KINSKI: Eben! Aber die Frage ist mir so abstrakt, ich kann sie gar nicht beantworten, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Es ist ja so: Jeder hat seine Realität, nicht? Es wäre ja langweilig, und ich will auch niemanden damit langweilen! Ich habe immer gesagt, ohne mich zu genieren, und ich glaube, wer darüber lacht und sich nicht damit identifzieren kann, ist ein Trottel oder Vollidiot: Ich hätte alles sein können in meinem Leben, das Furchtbarste! Ich wollte das nicht mehr und habe mir auch nie ausgesucht, Schauspieler zu sein! Es ist wie ein Ventil gewesen und hat mich auch vor vielen Dingen bewahrt in letzter Konsequenz! Wenn man es so sieht, kann man nicht mehr fragen: Wieso wollen Sie etwas hinter sich lassen, was Sie Ihr Leben lang gemacht haben? Man kann höchstens sagen: Mein Gott, endlich liegt das hinter einem! Es ist keine Frage und keine Antwort...
MÜNCHENHAGEN: Jajaja, es ist jetzt wirklich genug, ich guck auf die Uhr: Wir haben dem Titel wirklich genügt, wir haben ein bisschen gefragt...
KINSKI: Keine Antworten gekriegt, nix...
MÜNCHENHAGEN: Wenig an Antworten gekriegt, recht spannend fand ich’s trotzdem, danke Ihnen, danke Ihnen, danke Ihnen, wir sehen uns wieder.
[B]2. NDR Talkshow (Oktober 1985)[/B]
NDR: Klaus Kinski! Nach einem hinreißenden Fitzcarraldo, nach einem berunruhigenden Woyzeck jetzt wieder so ein richtig schöner Bösewicht! So ein verletzlicher, sensibler Mensch wie Sie - warum spielt der eigentlich immer diese Rollen? Warum spielen Sie nicht mal was, was Sie beglückt?
KINSKI: Ich versteh so schlecht, was du sagst, weil es sich immer so anhört wie die Ansage auf dem Flughafen, wo man immer hinhört, ob die Stimme von den Mädchen sexy ist, aber man versteht nicht, was sie sagen, ich versteh nicht...
NDR: Soll ich es nochmal wiederholen, meinst du, dass sich das dann irgendwann ändert?
KINSKI: Vielleicht...
NDR: Also die Rollen der Bösewichter sind etwas, was Sie besonders lieben – oder hat das was mit Geld zu tun?
KINSKI: Die Leute überall in Amerika oder in jedem Land der Erde sagen immer: Ach, Sie sind ja viel netter im Leben als im Film... Das wissen die natürlich gar nicht, weil das ja auch nicht stimmt, weil – ich bin viel schlimmer im Leben als im Film...
NDR: Schöne Geschichten...
KINSKI: Ich weiß gar nicht, was du damit meinst. Aber wenigstens zahlen die im Film Geld dafür. Also – was ist die Frage jetzt?
NDR: Aber könnten wir das nicht mal abklären? Es würde mir wirklich was dran liegen, ob es immer diese Rollen mit dieser bösen Ausrichtung sein müssen oder ob es nicht noch ganz andere Rollen gibt, die man gerne spielen würde als Schauspieler, Sie sind doch ein hervorragender Schauspieler, Sie könnten doch ganz was anderes spielen – zum Beispiel mit Herzog wieder mal, ist das geplant? Irgendwie scheint er heute ein ausgesprochenes Frisurenproblem zu haben...
KINSKI: Ich habe wieder nicht verstanden, was du gesagt hast, aber es muss wohl amüsant gewesen sein oder ein Missverständnis vielleicht, sonst würden die Leute nicht lachen oder so. So bei irgendwelchen Fernsehsendungen, auch in New York und so, wurde ich gefragt: Was ist, wie denkst du über Herzog und so? Da habe ich gesagt – im Amerikanischen, im Englischen kann man es so gut sagen: He is a pain in the ass...
NDR: Naja, das kann man nicht so gut übersetzen...
KINSKI: Doch, vielleicht ein Schmerz im Arsch oder weiß ich was, okay?
NDR: Ja, so ungefähr...
KINSKI: Das soll heißen, er geht mir auf die Nerven!
NDR: Aber es kann einem doch nicht jede Frage auf die Nerven gehen...
KINSKI: Die ganze Unterhaltung kann man so nicht anfangen, das ergibt alles keinen Sinn, du bist sehr entzückend und sehr nett – ich weiß nicht, was ich antworten soll!
NDR: Aber wir können uns ja schlecht über meine Strümpfe unterhalten!
KINSKI: Oder über deinen Popo zum Beispiel...
NDR:Also Klaus, versuchen wir mal was anderes...
KINSKI: Man kann so nicht drüberreden. Du suchst dir aus... ich suche überhaupt nichts aus, es hat Zeiten gegeben, und auch heute noch, wo mich mein Agent anruft und fragt: Soll ich das Drehbuch schicken? Und ich antworte: Wozu das Drehbuch, lies du es, was habe ich damit zu tun? Sag ihnen, ich will Geld, aus, basta!
NDR: Na also, das war es doch.
KINSKI: Nein, das war es nicht!
NDR: Hat doch mit Geld zu tun!
KINSKI: Nein, wieso? Den Produzenten kenne ich, ist ein großartiger Produzent, ist sogar ein Freund von mir, mit dem habe ich vorher drei, vier Filme gedreht – und vielleicht fliegt er wieder mal auf die Philippinen und so, verstehst du? Und außerdem – das ist eine gute Geschichte, eine Action-Geschichte, und alle sagen – ich meine die, die ihn schon gesehen haben – der Film ist großartig. Und alle sind begeistert. Also okay, nicht? Was soll man da noch fragen? Was ist sonst noch zu fragen? Du kannst mir nicht erzählen, dass es dich persönlich interessiert, warum ich einen Film nach dem anderen mache, ist doch nicht wahr.
NDR: Doch, ich finde das interessant, warum jemand immer diese Bösewichter-Rollen spielt, das haben wir jetzt abgehandelt, darauf brauchen wir uns nicht weiter auszutoben...
KINSKI: Was meinst du mit immer solche Bösewichter?
NDR: Ja, was ist denn das? Sind das liebenswürdige Rollen: Mörder, Killer, Geistesgestörte...?
KINSKI: Wir haben doch längst darüber gesprochen. Es gab mal einen französischen Film, da hieß es: Wir sind alle Mörder – was auf die meisten Menschen zutrifft. Wenn ich jetzt ein gebildeter und kultivierter Mensch wäre, was ich nicht bin, dann würde ich vielleicht sagen: Auch Goethe hat gesagt, ich bin nur kein Mörder, weil ich keine Gelegenheit habe, aber was ist das für ein Unsinn? Ein Mörder... ich meine, das ist eine Geschichte über eine Action, über eine Gang, über Leute, die sich gegenseitig umbringen! Jemand, der in Amerika Al Capone darstellt, hat der deswegen gleich 200 Leute umgebracht? Das ist Unsinn! Wie sagt man? Man fragt nicht solche Fragen, es ergibt keinen Sinn, hier hören 20 Millionen oder mehr Menschen zu. Man muss, ohne es zu übertreiben, einfach mal Schluss machen und anfangen, das zu reden, was vielleicht die Leute interessieren kann, das hat man alles schon so oft, also millionenfach – diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören...
NDR: Diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören!
KINSKI: Ja!
NDR: Das ist ein Standardsatz von Klaus Kinski, ich finde es zwar schwachsinnig, aber ich bin gut vorbereitet...
KINSKI: Nein, du bist wohl auch sehr gut vorbereitet, aber das hat damit nichts zu tun. Du bist sehr charmant, und ich will auch gar nicht groß auf dir herumhacken...
NDR: Aber Klaus...
KINSKI: Es ist nur: Man kann nicht, man muss irgendwann mal Schluss machen, wie sagt man, judge zu reden...
NDR: Müll!
KINSKI: Müll! Es ist Müll! Okay, haben wir ja lange genug drüber gesprochen, brauchen wir uns nicht weiter drüber zu unterhalten, aber...
ZUSCHAUERIN: Was hat man Ihnen eigentlich für Filme angeboten?
KINSKI: Das ist doch... man hat mir alles angeboten!
ZUSCHAUERIN: Ja, aber...
KINSKI: Lass mich doch mal ausreden! Sind wir hier vor Gericht, habe ich mein Auto falsch geparkt? Was soll der Quatsch, entweder man unterhält sich...
ZUSCHAUERIN: Das ist doch alles nur...
KINSKI: Nein, Moment, ich mein ja gar nicht Sie.
ZUSCHAUERIN: Ach so...
KINSKI: Ich habe 200 Filme gemacht, mir hat man mindestens 2000 angeboten! Na gut, das ist aber nicht dein Problem!
ZUSCHAUERIN: Nein, mein Problem ist es nicht, aber ich möchte es gerne wissen!
KINSKI: Oh, ich wurde schon so oft gefragt: Klaus, du machst so viel Quatsch im Leben, warum machst du nicht mal einen komischen Film? Sage ich: Okay, wieviel, how much? Wieviel zahlst du?
ZUSCHAUERIN: Blödsinn!
KINSKI: Was heißt hier Blödsinn? Dieser Quatsch, den die Schauspieler erst erzählen, dieser Mist, den die da runterleien, sagen: Habe ich gerade eine dramatische Rolle gespielt, mache ich mal einen komischen Film! Na und, who knows, who cares? Anders gesagt: Okay, habe ich gerade einen Abenteuerfilm gedreht, mache ich mal einen Actionfilm! Ist doch alles ganz unwichtig, ist doch nur, wie ich dieser Frau vom Playboy gesagt habe: Du willst doch nur deine Seiten füllen, wozu soll ich dir ein Interview geben und dein Buch füllen? Das ist alles dasselbe, ob ich jemand zum Tode verurteilt bin oder ein Dirigent mit einem Orchester, das ist old supermarket shit! Da sagt die: Yes, that’s true! Und – wenigstens hat sie es zugegeben! Okay? Man muss nicht einfach nur durch die Luft reden, so einen Blödsinn, es geht schon seit 20 Jahren so...
NDR: Es geht ums Ernstnehmen, Klaus...
KINSKI: Nein!
NDR: Ich nehme Sie ernst!
KINSKI: Na, das hoffe ich doch!
NDR: Ich habe nämlich auch Ihr Buch gelesen. Villon zum Beispiel ist für mich völlig assoziativ mit Ihnen, nicht?
KINSKI: Ich habe ja gesehen, sie hat einen entzückenden Popo...
NDR: Ach du lieber Gott...
KINSKI: Was auch immer der Grund ist! Alles andere ist Quatsch... ich brauche keine Komplimente von dir, es ist ja sehr nett, dass du mir ein Kompliment machen willst...
NDR: Ich will kein Kompliment machen, ich wollte etwas ganz Normales, Sachliches sagen, dass zum Beispiel aus dem Buch hervorgeht, das haben Sie, Herr Kinski, gesagt, dass Sie immer auf der Suche nach der Ursache von Leid und Elend gewesen sind, wenn Sie das in einer Autobiografie schreiben...
KINSKI: Wo steht das? Schlag auf!
NDR: Moment...
KINSKI: Moment...
NDR: Oh lieber Gott... das finde ich jetzt, aber hier steht etwas Ähnliches...
KINSKI: Aha...
NDR: Nein, Klaus! Hier steht etwas Ähnliches: Sie hätten den Vater Ihrer ersten Frau besonders geschätzt, weil er erkennen konnte, dass ich, Klaus Kinski, im Grunde meiner Seele verzweifelt bin und darum ringe, meinen Weg zu gehen...
KINSKI: Ah, der war sehr nett, ich habe immer unter Brücken geschlafen, und der hat mir immer eine Decke gebracht zum Zudecken. Ja! Ist ja nichts besonderes! Aber was hat der Mann damit zu tun?
NDR: Aber der Mann war doch okay? Ihr Schwiegervater...
KINSKI: Ja, er war okay, er hat das verstanden, dem musste ich nicht großartig erklären, wie ich es wagen konnte, mit seiner Tochter zu schlafen, ohne dass ich Millionär bin oder ein Bankkonto habe – er nicht! Aber was hat der Mann damit zu tun?
NDR: Es ging mir um die Zwischentöne, und die klangen irgendwie durch!
KINSKI: Du versuchst doch nichts anderes, was keinem jemals gelungen ist: Du versuchst mich in die Enge zu drängen!
NDR: Nein, das versuche ich nicht, ich wollte nur von Klaus Kinski etwas anderes hören...
KINSKI: Das ist sinnlos! Ich kann dir antworten, was ich immer ich will, immer ich will, auch das Gegenteil, du musst alles glauben, weil ich dich dazu zwinge, alles zu glauben! Es ist völlig sinnlos, diese Art von Unterhaltung zu führen! Wenn man eine Unterhaltung führt, dann, wenn man auf auf andere Menschen eingeht, speziell...
NDR: Dann sprechen wir doch darüber!
KINSKI: Ihr bekommt eure Fragen alle aus dem Computer, das ist also nichts besonderes, nur man muss irgendwann mal Schluss machen, ich habe es in Amerika gesagt, in jedem Land der Erde, immer wieder: Man muss aufhören mit dem Blödsinn! Man kann es sich antun, aber immer wieder den gleichen Dialog, ist ja nicht auszuhalten...
NDR: Lassen wir ihn mal das Thema bestimmen! Worüber würden Sie gerne reden, Herr Kinski?
KINSKI: Ich will das Thema überhaupt nicht bestimmen! Ich habe keine Ambition, hier große Zwischentöne zu machen, ich habe die größten Sachen abgelehnt, die es gibt, in Amerika...
NDR: Aber warum sind Sie dann hier, Klaus?
KINSKI: Ich habe doch gesagt, der Produzent ist ein großartiger Mann! Ich bin hier, weil er mich gefragt hat! Es ist eine Riesenanstrengung, 20 000 km zu fliegen, ist mein Probklem, nicht euers, einmal zugesagt, halte ich mein Wort, aber das bedeutet nicht, dass ich mir hier... na, wie sagt man?
NDR: Den Kopf schwer mache?
KINSKI: Nein, ich wollte was anderes sagen, ich wollte onanieren sagen... dümmlich...
NDR: Ich finde diesen Standpunkt völlig richtig, man macht es, weil man sich verpflichtet hat...
KINSKI: Clever, noch ist es originell, dass ich so antworte, es ist ganz natürlich für mich! Ich habe nie etwas anderes gesagt, als was ich dachte!
NDR: Ich wollte Sie noch etwas anderes fragen, weil ich Sie in einem Film gesehen habe...
KINSKI: Welchen?
NDR: Fitzcarraldo!
KINSKI: Ah ja, okay!
NDR: Sind Sie auch im wirklichen Leben ein solcher Opfernfan wie die Figur, die Sie dort darstellen, haben Sie ein solch leidenschaftliches Verhältnis zur Oper?
KINSKI: Nein, ich habe mal, aber aus ganz anderen Gründen, das ist also faszinierend, mit meinen Ohren an Riesenlautsprechern Caruso-Platten gehört, einfach weil mich der Mann ungeheuer fasziniert hat, ich konnte auch die Musik von Paganini hören, jahrelang, mit Riesenlautsprechern, das Ohr dran, es hat fast mit Wildnis was zu tun, diese Schwingungen, wie sagt man, it’s wild... Oper? Ich war nie in einer Oper in meinem Leben, noch nie in einer Oper! Könnte ich gar nicht aushalten, das Gehuste und Geklatsche von den Leuten!
NDR: Mit dem Gehuste und dem Geklatsche haben Sie völlig recht!
KINSKI: Ich war einmal in Wien, da haben die mich interviewt, oder im Burgtheater in Wien, da sagt man mir: Sie haben erreicht, was Vivaldi und keiner erreicht haben, in der Oper, da husten die Leute, und bei mir husten die Leute nicht, weil ich sage: Halt’s Maul, beweg dich nicht mehr, oder ich geh von der Bühne! Okay? Und sie haben sich nicht mehr bewegt! Na gut, wenn sie nicht wollen, geh ich nach hause, ganz einfach, wie sagt man...?
NDR: Ehrlich, ja. Tut mir leid, ich muss Ihnen schon wieder zustimmen, Sie haben die Leute, die im Theater husten, viel zu wenig beschimpft für meinen Geschmack!
KINSKI: Darum geht’s ja gar nicht, aber es gibt ja immer so Oberschlaue wie beim Radrennen, uh-uh, aber das ist ja völliger Blödsinn! Ich habe Vorstellungen gemacht vor 20 000 Leuten allein auf der Bühne, na gut, ich will jetzt hier kein großes Mitleid erregen, sondern ich meine: Vier Stunden allein auf der Bühne, da gibt’s einfach bestimmte Konditionen, die man verlangt, aus! Und dann dieses Mädchen hier, wie heißt die noch, ja, die mag ich gerne, einfach persönlich, ich hätte mich doch nie im Leben einladen lassen, habe doch überhaupt nix damit zu tun! Die hat mich gebeten: Mach es für mich, das ist für mich so wichtig, und ich sage: Okay, ich mochte sie wirklich gern... okay, wir haben uns so verabschiedet...
ZUSCHAUERIN: Wie gern?
KINSKI: Sehr gern! Was heißt wie gern? Sehr gern, regelrecht gern, ja!
NDR: Dann erzählen Sie doch davon!
KINSKI: Na, ich sprech doch dauernd! Und dann sagt man mir: Diese Dümlinge und diese Dummköpfe haben den ganzen Tag gedreht! Was die hinterher mit dem Material machen, dafür sind doch weder sie noch ich verantwortlich! Und dann sitzt man im Hotel und sagt: Talk-Show? Nee, ich will heute nicht! Und morgen sage ich übermorgen, und irgendwann sagt man dann okay. Wenn einer...
NDR: Außerdem amüsiert er sich doch dabei, nicht? Irgendwo... und bei dem Gerede ganz bestimmt...
KINSKI: Diese Franzosen, wie nennt man die? Filmfreaks, nicht? Da sagt man mir: Hach, natürlich, Sie machen es nur für Geld, aber nun kommen Sie, das ist doch ein Witz, und nun erzählen Sie mir, das ist doch nicht wahr! Da sage ich ja, ich weiß nicht, was Sie hören wollen! Die weigern sich zu akzeptieren, was du sagst! Natürlich mache ich es für Geld, nur für Geld!
NDR: Tja...
KINSKI: Und zwar so sehr nur für Geld, dass das Geld immer im voraus bei der Bank hinterlegt ist und alles, logisch! Was ist daran so speziell? Es ist überhaupt nicht speziell! Jeder macht es nur für Geld!
NDR: Das ist richtig, aber wenn man so einen Film macht, dann hat man ja auch eine gewisse Verantwortung!
KINSKI: Die habe ich immer, ich werde ja dafür bezahlt, sogar sehr hoch bezahlt! Da wir gerade über Fitzcarraldo reden, ich kann ganz easy, leicht nachprüfen, welchen Film ich gemacht hatte und welche Verantwortung ich einzuhalten hatte! In anderen Ländern sieht man das viel natürlicher! In Amerika, da lacht man drüber, weil – da weiß man – na gut, es macht mir auch keinen Spaß, dass man alles Job nennt, aber das ist eine pesönliche Ansicht! Ich habe in einem Interview in Amerika gesagt: Ich bin eine Hure, was ist verboten daran? Ich bin eine Hure, ich verkauf das! Nicht? Hure ist ja auch nur ein Wort, das Leute erfunden haben! Blame in the hell!
NDR: Ich wollte es noch mal anders versuchen, Herr Kinski...
KINSKI: Ich kann auf solche Fragen – Entschuldigung, ich will das nur sagen – einfach nicht antworten!
LEUTENEGGER: Klaus?
KINSKI: Ah, mein Freund...
NDR: Klaus Kinski hat heute Geburtstag, man glaubt es nicht. Das letzte Jahr vor seinem 60. Geburtstag: Er feiert hier mit uns seinen 59. Geburtstag, da sind wir ganz stolz drauf. Ob es eine Feier wird, wussten wir noch nicht, das sollte sich erst Mitternacht herausstellen. Unsere Geburtstagsüberraschung für Klaus Kinski ist Hans Leutenegger, erstens war er mal Olympiasieger, zweitens ist er ein richtig schöner Großindustrieller in Genf und drittens, ganz neu, Schauspieler und Kollege von Klaus Kinski in dem Film „Kommando Leopard“. Wie war die Zusammenarbeit? Da der Klaus sich so gefreut hat, sieht es so aus, als ob sie sehr gut war.
LEUTENEGGER: Ich muss sagen, nach dem dritten Tag war sie sehr gut...
NDR: Wie waren der erste und der zweite Tag...?
LEUTENEGGER: Er war mein Lehrmeister, und er wird mein Lehrmeister bleiben.
NDR: Sie haben vor, in der Branche zu bleiben?
LEUTENEGGER: Ja, ich will nach Amerika. Amerika braucht Nachwuchs...
NDR: Aha...
LEUTENEGGER: Meine Firma ist 21 Jahre alt. Ich muss aber auch sagen: Er ist einer der ganz wenigen großen Sportler, die ich kenne. Ich habe 35 Liegestütze gemacht, und er hat 50 geschafft.
NDR: Haben Sie auch sein Buch gelesen? Nach dem Buch könnte er auch Kunstturner sein, mühelos, bei seinem Sexprogramm.
LEUTENEGGER: Er könnte allerhand sein.
NDR: Ich habe mich sowieso gefragt: Jemand, der mit so viel mangelnder Liebe von seinem Beruf spricht und Schauspielerei eigentlich gar nicht so schön findet, der könnte doch eigentlich ganz was anderes machen.
KINSKI: So hat man zuletzt in der Schule mit mir geredet...
NDR: Jajaja...
KINSKI: Was heißt das?
NDR: Diese Biografie ist eine ganz besondere, eine Biografie, bei der ich brechen muss...
KINSKI: Das erinnert mich an den einen Schauspieler, der in einem dümmlichen Film einen dümmlichen Polizisten dargestellt hat und die Rolle gleich mit sich identifiziert hat und in einer Talk-Show sagt: „In meinem wirklichen Leben bin ich auch ein guter Mensch, denn ich habe schon als Schauspielschüler Spitzel für die Polizei gemacht und die Leute verhaften lassen, weil sie was geklaut haben, weil sie hungern...“ Ha...
NDR: Tja. Sind Sie denn inzwischen Amerikaner?
KINSKI: Ich habe so viele Leute erschossen im Film, die kann ich gar nicht mehr zählen, was hat das damit zu tun? Was hat das damit zu tun? Und dann dieses: „Mach erstmal einen komischen Film – und sei komisch!“ Das Komische ist nur, seit den Marx Brothers hat es in Hollywood gar keine komischen Filme mehr gegeben, nämlich, verstehst du? Das hängt jetzt einfach damit zusammen – du willst mich jetzt ausfragen – oh, ich klinge jetzt auch wie ein Ansager – du willst mich jetzt ausfragen, was ich mit diesen miesen, miserablen Filmen der letzten 20, 30 Jahre zu tun hatte? Was soll der Unsinn? Was habe ich damit zu tun? Ich brauchte Geld! Ich habe jedes Geld genommen, das ich konnte, okay?
NDR: Haben wir inzwischen alles verstanden, auch der letzte Idiot hat es verstanden...
KINSKI: Na gut, aber er wollte anders fragen.
NDR: Ja, ich wollte es eigentlich nur anders versuchen, Herr Kinski...
KINSKI: Und dann machen wir auch Schluss damit!
NDR: Dann machen wir wirklich Schluss damit! Ich wollte von Ihnen nur noch eines wissen: Ob es eine Wunschrolle noch gibt. Gibt es irgendeine Rolle, die Sie gerne noch spielen würden – ohne Hin oder Her?
KINSKI: Spielen, das Wort Spielen... es ist wirklich anstrengend. Man muss die Vokabeln richtig setzen, nicht? Mir hat man in einem Interview in Frankreich gesagt, ich wäre so ordinär, weil ich den Worten einen anderen Sinn gebe. Ich habe immer gesagt, seit 30 Jahre, ich habe nie gespielt in meinem Leben. So wie hier, ich komme hier rein – ich habe nix gegen das Mädchen, die ist sehr nett – aber überall in der Welt heißt es: „Herr Kinski schminkt sich nicht!“ Und dann die Antwot: „Jaja! Hier ist der Schminkraum!“ So als ob man gegen die Wand geredet hätte! Es steht überall und überall... ich habe keine Wunschrolle. Überhaupt: Wunschrolle, diese ganzen übernommenen Worte, die gibt es eigentlich gar nicht! Was soll ich dazu sagen? Ich kenne es nicht! Natürlich möchte man lieber mit Leuten einen Film machen, die man gerne mag, oder man mag das Land lieber. Ich mache nicht Theater, weil es Selbstmord ist, was mein eigenes Problem ist, weil es sich nicht lohnt, sich vor 2000 Leuten langsam umzubringen, it is unhealthy, okay? Es ist ungesund! Ich weiß, warum ich das sage! Mit Leutenegger würde ich lieber einen Film machen als mit jemanden, den ich nicht mag, oder mit dem Produzenten Dietrich aus der Schweiz...
NDR: Warum mögen Sie ihn denn?
KINSKI: Weil er ein fantastischer Mann ist, ein prima Kerl! Da brauchen wir gar nicht lange drüber zu reden!
[B]3. Na sowas (Oktober 1985)[/B]
GOTTSCHALK: Ich hoffe, mit mir ist er heute abend zufrieden: Herzlich willkommen, Klaus Kinski! Bitteschön, ja, Herr Kinski...
KINSKI: Mikrofon am Arsch...
GOTTSCHALK: Mikrofon da hinten drin...
KINSKI: Haben Sie auch so einen kleinen Apparat?
GOTTSCHALK: Ja, habe ich auch! Herr Kinski, Sie haben gesagt: Kinder, lasst mich erstmal ins Hotel, ich komm dann gegen 20 Uhr nach – sind Sie so ein spontaner Mensch, macht Ihnen das Spaß, so locker ran an die Sache?
KINSKI: Ich habe nicht gesagt: Kinder, lasst mich erstmal ins Hotel! Bei meinem letzten Talkshow-Besuch in Hamburg war es schlimm. Es ist normal, dass die Leute rauchen, aber da haben die alle gequalmt, drei Stunden lang, da kriege ich so eine Birne und Magenkrämpfe...
GOTTSCHALK: Sie sind praktisch nur dann sauer, wenn man Sie ärgert. Sie sind also von sich aus ein ruhiger Mensch, nur nicht, wenn man Sie ärgert. Wenn man Sie ärgert, kriegt man das, was man verdient?
KINSKI: Na, das ist, glaube ich, bei jedem so, oder?
GOTTSCHALK: Ja! Es ist natürlich so, dass wir auf unsere internationalen Stars, die wir haben, sehr stolz sind. Vielleicht haben wir ein paar Stars, die international bekannt sind. Wir sind sehr froh, dass Sie heute hier sind. Allerdings sind unsere ganzen deutschen Stars, die wir im Ausland haben, immer so ein bisschen Enfant terribles, nicht, also wir wollen mal zeigen, dass wir da sind?!
KINSKI: Ist das eine Live-Sendung?
GOTTSCHALK: Alles live, alles...
KINSKI: Aha! Ich meine: Hat das einen Sinn, was zu sagen, oder schneiden Sie das immer raus?
GOTTSCHALK: Nee, wir sind also alles live...
KINSKI: Ich meine – ich verstehe die Frage nicht!
GOTTSCHALK: Nee?
KINSKI: Da ist kein Zusammenhang, kein Zusammenhang...
GOTTSCHALK: Ich wollte sagen: Es gibt nur ein paar Stars, die wir haben, der Helmut Berger ist ein deutschsprachiger Star, der Rosenthal und weißichnichtwas...
KINSKI: Wer ist wir?
GOTTSCHALK: Wir, wir alle...
KINSKI: Und was bin ich, was bin ich?
GOTTSCHALK: Ja, Sie sind doch ein internationaler Star, sonst hätte ich Sie ja gar nicht eingeladen.
KINSKI: Ja, aber wer ist wir?
GOTTSCHALK: Wir, wir Deutschen... wir machen es ganz einfach...
KINSKI: Wiederholen Sie es nochmal, ich kann Ihnen nicht folgen.
GOTTSCHALK: Machen wir was anderes. Herr Kinski, Sie machen wahnsinnig viele Filme, Sie sind allerdings immer oder fast immer ein Bösewicht. Färbt das irgendwie ab auf die Privatperson? Sie wirken unfreundlich heute abend, zweifellos.
KINSKI: Schon wieder nicht verstanden...
GOTTSCHALK: Oh...
KINSKI: Nein, haha... Leute, die im Film Al Capone darstellen, machen die das im Leben auch so oder was? Was ist das für ein Unsinn?
GOTTSCHALK: Nein, schauen Sie her, Sie haben in vielen Rollen Menschen dargestellt, in Edgar-Wallace-Filmen, Sie sind Aguirre gewesen. Es sind spezielle Menschen, die Sie dargestellt haben. Wirkt das auf die Person irgendwie?
KINSKI: Was reden Sie denn da? Die einfachste Antwort ist: Es hängt einfach davon ab, wieviel man bezahlt, was man macht, speziell oder nicht speziell. Es ist eine anstrengende Arbeit, die man versuchen muss, den anderen beizubringen. „Wieviel bezahlen Sie? Nee, vergessen Sie es.“ Vielleicht geht man nach Südamerika oder nach Japan – so findet das statt.
GOTTSCHALK: Das weiß man, dass Sie beim Film ganz bestimmte Anforderungen stellen.
KINSKI: Bei den meisten Filmen versucht man es nicht noch blöder zu machen als man ist oder versucht zu retten, was man retten kann.
GOTTSCHALK: Sie sind also mit sich zufrieden, Sie liefern das Allerbeste ab, auch wenn es Ärger gibt?
KINSKI: Versteh ich schon wieder nicht, die Frage. Warum soll ich mit mir zufrieden sein? Das ist ein ganz organischer, natürlicher Vorgang. Wenn Sie mir das Mikro zu nah halten, mach ich das zurück. Und dann: Sind Sie jetzt zufrieden? Ja, natürlich bin ich jetzt zufrieden, weil Sie das Mikrofon nicht mehr so an mich halten!
GOTTSCHALK: Also alles ganz schlicht und einfach, das Doppelbödige ist gar nicht so da, Sie ärgern sich nur über Leute, die dumme Fragen stellen, so wie ich jetzt zum Beispiel?
KINSKI: Nein, ja, ziemlich viele dumme Fragen!
GOTTSCHALK: Oh, ich bin bekannt dafür...
KINSKI: Ich kann mich nicht darüber ärgern. Ich habe ungefähr eine Woche nicht geschlafen...
GOTTSCHALK: Eine Woche?
KINSKI: Man kriegt einen ganz trockenen Mund, hier ist es ein bisschen besser als in Hamburg, weil hier nicht geraucht wird. Ich denke im Augenblick daran, dass ich gleich ins Hotel zurück kann und ein Pilsner Bier trinken kann...
GOTTSCHALK: Es hat aber ein bisschen Spaß gemacht, oder?
KINSKI: Wahnsinnig viel Spaß. Ich habe mich wahnsinnig amüsiert...
GOTTSCHALK: Gell? Ich auch...
KINSKI: Das Mikro will ich nicht mitnehmen, ich bin froh, wenn ich es loswerde.
GOTTSCHALK: Wir verabschieden uns, das war „Na sowas!“ Für heute, in vierzehn Tagen sehen wir uns wieder...
KINSKI: Nicht nochmal, nein...
GOTTSCHALK: Nicht Sie, nein. Frohes Biertrinken, servus...
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, in Deutschland oder, wie wir es sagen, in der Bundesrepublik, ist es ruhig geworden um Sie...
KINSKI: Ich versteh die Frage nicht, es hat keinen Sinn darüber zu reden! Weil – ruhig – erstens bin ich nie geil danach gewesen, Schlagzeilen zu machen, außerdem - man kann keine Schlagzeilen in Amerika machen, wenn man im Allgäu ist, zum Beispiel, nicht? Ich versteh nicht, warum Sie sagen – na klar ist es ruhig um Sie! Wo Sie nicht sind, ist es ruhig um Sie! Ich verstehe die Aussage nicht, ist vollkommen sinnlos, ich weiß gar nicht, was Sie damit sagen wollen!
MÜNCHENHAGEN: Das war auch weniger als Aussage denn als Frage gemeint, ich sage das auch gerne noch mal deutlich, damit wir uns nicht falsch verstehen, da lag auch überhaupt kein Vorwurf drin, vielleicht habe ich Sie ja auch falsch verstanden…
KINSKI: Die meisten Menschen verstehen mich falsch!
MÜNCHENHAGEN: Lassen wir uns doch wenigstens den Versuch machen, ob wir es nicht doch schaffen, uns richtig zu verstehen! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, auch in Ihrem Buch...
KINSKI: Haben Sie das gelesen?
MÜNCHENHAGEN: Ich habe das gelesen!
KINSKI: Wie heißt denn das?
MÜNCHENHAGEN: Ist die Frage jetzt ernst von Ihnen?
KINSKI: Ja, im Ernst...
MÜNCHENHAGEN: Das Buch heißt, es sei denn, Sie hätten mehrere geschrieben, aber das Buch, das ich gelesen habe, heißt: Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
KINSKI: Und ist erschienen...?
MÜNCHENHAGEN: ... bei welchem Verlag?
KINSKI: Ich habe dem Verlag versprochen, dass ich es immer wiederhole heute...
MÜNCHENHAGEN: Und wir haben es jetzt gesagt…
KINSKI: Es ist erschienen im Verlag Rogner und Bernhard...
MÜNCHENHAGEN: Und ich kann Ihnen sagen, was Herr Kinski Ihnen jetzt noch sagen möchte, dass die Leute dieses Buch kaufen müssen, weil es eines der besten ist, das man kaufen kann...
KINSKI: Sie müssen nicht, keiner muss irgendwas...
MÜNCHENHAGEN: Bei dem, was ich gelesen habe, gibt’s zwei, drei andere noch, die auch ganz gut sind, glaube ich...
KINSKI: Doch, natürlich, es gibt unheimlich viele Bücher! Deswegen kann ja mein Buch trotzdem gut verkauft werden, nicht?
MÜNCHENHAGEN: Wenn ich Sie richtig verstanden habe in Ihrem Buch, dann soll es einen Zeitpunkt gegeben haben, an dem Sie selber gesagt haben: Die Art und Weise, wie ich bisher gelebt habe, war falsch, ich will ruhiger und auch anders leben!
KINSKI: Okay, das haben Sie mit Sicherheit nicht falsch verstanden, aber das Buch ist im Telegrammstil geschrieben, das heißt, man kann nicht alles sagen, was man sagen will, sonst werden es dreitausend Seiten, und es waren auch dreitausend Seiten, und der Verlag meinte, es wär zu dick! Es kommt auch auf die Intepretierung an, nicht? Man muss bei allem, was so schnell und im Telegrammstil geschrieben ist, zwischen den Zeilen lesen: Dabei habe ich den Kommentar ausgelassen zu der Geschichte, was eigentlich Beruf ist! Es ist eine lange Geschichte, da würden die Leute einen dicken Kopf kriegen! Ich habe gesagt, ich habe die Schnauze voll von dem, was ich gemacht habe, das heißt aber nicht, dass ich so wahnsinnig an Minderwertigkeitskomplexen leide, dass ich sagen würde, ich hätte nur Scheiße in meinem Leben gemacht, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Also nicht so sehr stimmt das, was Sie ohne Ihre Schuld so verstanden haben, es stimmt nicht, dass ich meinen Beruf und meine Berufung falsch aufgefasst hätte, das wäre Unsinn, wenn man das so verstehen würde! Sondern dass ich seit langer Zeit danach suche, warum ist man eigentlich Schauspieler, aus welchem Grund, wie auch immer! Das heißt, es schließt all die Fragen und Antworten ein: Was können Sie? Alles! Es schließt dabei auch ein – diese dumme und wirklich beschränkte Uniformiertheit in Deutschland, diesen Kasernenhof-Jargon, den eine Zeitung von der anderen übernimmt: Der vom Dienst, der Mörder vom Dienst, der Verbrecher vom Dienst. Neulich bin ich irgendwo vorüber gekommen, da habe ich gelesen: Der jugendliche Diaboliker. Gut, Sie lachen darüber – ist mir scheißegal, ein Diaboliker vom Dienst oder Verbrecher vom Dienst oder Mörder vom Dienst oder das oder das zu sein! Ich könnte dieselbe Antwort geben: Alles! Wenn man wirklich Schauspieler ist, so ist man alles! Man kultiviert oder, wie sagt man, bringt es zum Wachsen in sich! Ein englischer Schauspieler, der größte Schauspieler aller Zeiten hat gesagt: Ich spiele nicht, ich bin das - und deswegen bin ich nichts! Und er ist sein ganzes Leben lang von dieser Qual besessen gewesen! Für mich war der Grund immer viel wichtiger: Warum bin ich das? Es ist einfach ungesund, insane...
MÜNCHENHAGEN: Ich wollte genau in die Richtung, Herr Kinski, lassen Sie mich von der Stelle kommen! Ich wollte überhaupt nicht auf die beknackten Klischees mit dem Mörder vom Dienst hinaus, das hat man nun oft genug lesen können! Ich wollte was anderes wissen. Nochmal mit der Vorbemerkung – ich glaube, ich weiß sogar, auf welcher Seite ich das gelesen habe, da sagen Sie in Ihrem Buch, ich bin so voll von Liebe, dass ich immer wieder ausströme... also jetzt in meinen Worten.
KINSKI: Mhm...
MÜNCHENHAGEN: Wenn man die Reaktionen darauf verfolgt...
KINSKI: Die Frage ist nicht fair, ob nun vor einem Millionenpublikum oder allein in einem Zimmer, es wäre nicht fair, wenn man dem anderen nicht zugestehen würde, um die Frage richtig zu verstehen, jederzeit mit einer Gegenfrage zu unterbrechen: Was meinen Sie denn eigentlich mit der und der Frage? Ich glaube, es wäre sehr gesund, wenn man sich überhaupt nur auf diese Weise unterhalten würde, um die ganzen Missverständnisse nach und nach auszuschalten! Was meinen Sie damit?
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich habe versucht, Sie sinngemäß zu zitieren, jetzt fragen Sie mich, was ich damit meine, das verstehe ich nicht!
KINSKI: Nein, wiederholen Sie Ihre Frage, nein, nein! Sie haben mich hierhin gesetzt, Sie haben diesen Satz von mir sinngemäß wiederholt – wenn auch nicht ganz präzise, aber ist egal – um mir eine Frage damit zu stellen, um eine Antwort von mir zu erfahren, ja, und ich bitte Sie, Ihre Frage zu wiederholen, weil ich die Frage so nicht beantworten kann...
MÜNCHENHAGEN: Das will ich gern tun! Meine Frage war: Wenn es so ist, dass Sie von so viel Geben an Liebe auf diese zum großen Teil dümmlichen Reaktionen gestoßen sind, ist dann Ihr Geben an Liebe nicht immer sehr viel mehr gewesen als das, was Sie empfangen haben?
KINSKI: Ich weiß jetzt, warum ich Sie unterbrochen habe, ich habe Sie zu früh unterbrochen, es war mein Fehler! Sie haben gesagt: Wie man auch immer darauf reagiert hat... wer? Das ist nämlich die Frage? Wer?
MÜNCHENHAGEN: Ich meine zum Beispiel das Publikum auf Ihren Tourneen, ein Publikum, das Sie ja größtenteils...
KINSKI: Ich will hier keinen Kniefall vor dem deutschen Publikum machen, aber ich muss sagen, dass ich hoffe, dass uns hier und heute möglichst viele zusehen, denn ich muss sagen, dass das deutsche Publikum eins von den großartigsten und fantastischsten ist und speziell in meinem Fall war - jetzt habe ich aufs Mikrofon gehauen, ist egal! Ich weiß gar nicht, worauf Sie hinauswollen - Moment, ich will dem gleich vorausgreifen, damit wir nicht so viel Zeit verlieren mit Dingen, die nicht stimmen, außerdem sind die auch nachweisbar - ich habe auf den Tourneen.... da ist ja auch wieder so ein Witzbold! Mir hat vorhin jemand hinter den Kulissen gesagt, dass die Leute sich unheimlich drängeln - und ich hoffe, dass Sie das Maul halten, sonst geh ich nämlich, und die Show ist ja dazu da, dass wir hier sind, oder? Na also, dann seien Sie doch gefälligst ruhig! Sie sind einer von diesen Leuten, Sie und dieser Münchhausen oder Münchenhagen oder wie der heißt... Ich werde Ihnen mal etwas sagen, ich werde IHNEN mal etwas sagen: Eine von den letzten Tourneen, die ich gemacht habe, nicht die letzte, aber eine von den letzten, war die Tournee mit den klassischen Monologen im Berliner Sportpalast vor viereinhalbtausend oder fünftausend Besuchern: Da haben die Leute sich meinetwegen blutig geschlagen. Ich musste bis morgens um zwei die Monologe wiederholen, weil die Leute nicht nach hause gegangen sind. Das ist also - es mangelt mir nicht an Bescheidenheit, auch leide ich nicht an Größenwahn, das gibt es nicht, ein Beispiel dafür! Einer war besoffen und wollte die Vorstellung stören und wurde rausgeschmissen, und irgendwelche andere besoffene oder nicht besoffene gleichartige Idioten haben das als ein Alarmsignal empfunden, und einer von denen ist jetzt hier! Und mir würde er auch auf den Keks gehen! Das war sogar ziemlich schlecht organisiert, die Rolling Stones sind viel besser organisiert, als ich es war, weil - die würden ihn nun wirklich gleich zusammenschlagen, und ich finde es auch richtig, denn jemand, der eine Show macht, ist der Boss, und ich respektiere das ganz genauso, wenn ich zahlender Zuschauer bin, ich habe nie im Leben darüber diskutieren müssen! Wenn ich einen Husten hatte, bin ich zuhause geblieben, nicht nur um nicht die Vorstellung, sondern auch um den neben mir nicht zu stören: Ist eine Erziehungsfrage, verstehen Sie, eine Frage, wie man sich benimmt! Wenn jemand eine Show stört, welche Show auch immer, im Parlament, auf dem Fußballplatz, im Zirkus, wenn einer auf dem Seil lang läuft, oder in der Oper, ist ja allgemein bekannt, braucht man nicht immer wieder zu erklären, wird als selbstverständlich empfunden! Das ist nur so gratis! Wir waren noch viel zu gutmütig!
MÜNCHENHAGEN: Ich geh nicht davon aus, dass das Publikum bewusst stört. Aber das Publikum muss doch die Möglichkeit haben...
KINSKI: Nein, nein, das Publikum hat nicht die Möglichkeit zu stören, das ist ein ganz großer Irrtum! 99% der Zuschauer, größtenteils Erwachsene, auch Kinder, haben sich fantastisch benommen! Also wer hat jetzt recht? Der da - oder die anderen? Das ist ja einfach lächerlich, wenn wir darüber diskutieren, wer recht hat, nicht der Masse wegen, ich hab in Wien erreicht: Bei Vivaldi haben die Leute in der Oper gehustet, bei mir nicht, weil ich sage: Wenn ihr nicht aufhört zu husten, geh ich nach hause, mein Geld habe ich bereits! Und die Leute haben nicht gehustet bei mir, verstehen Sie? Vielleicht haben die Hustenbonbons!
MÜNCHENHAGEN: Das verstehe ich durchaus, dass Sie das stört, dass die Leute husten. Das ist überhaupt keine Frage. Aber die Leute müssen doch etwas anderes tun können, als Sie sich vorstellen, als die Schnauze zu halten...
KINSKI: Wozu? Ich habe nie gesagt: Kommt, kommt, lasset die Kindlein zu mir kommen! Habe ich nie behauptet, verstehen Sie? Man bezahlt dafür, hat da zu sitzen, und dann hat man sich auch dem anderen gegenüber neben sich anständig zu benehmen, ist doch völlig klar, oder brauchen wir da eine Diskussion drüber?
MÜNCHENHAGEN: Nein, darüber gibt’s keine Diskussion, dazu gibt’s vielleicht eine Frage...
KINSKI: Fragen gibt es immer, andauernd, endlos, Fragen, Fragen, Fragen... Ich frage auch unterbrochen!
MÜNCHENHAGEN: Eben.
KINSKI: Es ist nur die Frage, ob es eine Antwort gibt auf die Frage und ob die Antwort befriedigend ausfällt, das können Sie bei allen Gelegenheiten fragen! Das ganze Gesetz ist ja so aufgebaut, hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem 14jährigen Mädchen schlafen, und im Orient verheiraten die sich mit 11 Jahren, was ist das für ein Unsinn? Jeder versteht alles auf der Welt falsch! In Frankreich macht es einem Spaß, weil die Leute wirklich danach suchen, sich mit einem zu verständigen und nicht immer in irgendwelchen Müllkisten rumbohren, das ist alles so sinnlos!
MÜNCHENHAGEN: Im Moment bemühe ich mich nur darum, von Ihnen etwas rauszukriegen...
KINSKI: Ich will damit nur sagen, die Interpretation der Sprache wird mir immer klarer, wird immer mehr Teil von meinem Leben, die Erkenntnis: Die Sprache ist das Gefährlichste überhaupt, was es gibt, egal welche Sprache Sie sprechen! Das Missverständnis ist so permanent, ununterbrochen, bei einer ganz simplen Unterhaltung! Sie unterhalten sich mit mir ununterbrochen über Dinge, die eigentlich kleine Kinder längst wissen: Man stört den andern nicht, verstehen Sie?
MÜNCHENHAGEN: Stör ich Sie?
KINSKI: Nein, man stört keine Vorstellung! Sie sagen, die Leute haben doch recht und dürften doch und müssten doch – ja, was denn noch alles? Autos anstecken und so? Ich lese keine Zeitungen, aber...
MÜNCHENHAGEN: Aber woher wissen Sie es, wenn Sie keine Zeitung lesen?
KINSKI: Ich seh es auf den Straßen, in Paris, überall, wo ich bin! Man hat kein Recht, Ihr Auto umzustoßen, selbst wenn Sie nur ins Kino wollen, und man weiß ja noch nicht mal, wo Sie hinwollen, verstehen Sie?
MÜNCHENHAGEN: Ja...
KINSKI: Man darf das alles ungestraft...
MÜNCHENHAGEN: Das ist nicht wahr...
KINSKI: Doch. Ich will damit nur sagen, ich meine es nicht polemisch, sondern einfach, weil es einem auf die Nerven geht. Ich hoffe, dass Sie ein bisschen über mich wissen!
MÜNCHENHAGEN: Ich habe Sie doch gar nicht angegriffen...
KINSKI: Ich habe niemals in meinem Leben weder auf der Straße noch sonstwo über jemanden gelacht, ob nun einer noch so komisch gehinkt hat, ist mein gutes Recht, nicht? Wenn ich aber eine Vorstellung gebe und meine Leute neben mir habe, dann sage ich: Passt mal auf, da hinten steht einer... tragt den raus oder weißichwas... das ist noch sehr nett! Das ist noch sehr nett!
MÜNCHENHAGEN: Ich wollte Sie noch was anderes fragen, in der Hoffnung, dass wir uns nicht falsch verstehen...
KINSKI: Denn die Leute, die so stören, die tauchen ja immer nur im Plural auf, in der Mehrzahl, die existieren ja gar nicht im Einzelfall. Er hat sich ja auch nur zu Wort gemeldet, weil er die Chance einmal in seinem Leben hat, vor der Kamera zu sein! Ist ja gut, wenn Sie das so empfinden, dann kommen Sie her und unterhalten Sie sich mit Herrn Münchhausen! Ihr müsst ihm ein Mikrofon geben, ich verstehe ihn nicht! Übersetzen Sie’s!
MÜNCHENHAGEN: Einwurf ist so weit gestattet, Sie werden im Augenblick auch nicht rausgetragen, ich versprechs Ihnen... Nein, er beleidigt Sie nicht...
KINSKI: Ich kann Sie gar nicht so beleidigen, wie Sie mir auf den Wecker gegangen sind, unmöglich! Es hat Sie gar keiner gefragt, was wollen Sie überhaupt? Oder ist das eine Massendiskussion? Dann ist es okay, dann halte ich meinen Mund!
MÜNCHENHAGEN: Nein, das fände ich schade...
KINSKI: Ist ja nicht so, dass er sich unterdrückt fühlen soll, der Arme! Vielleicht laden Sie ihn das nächste Mal ein zu der Show! Ja! Ich habe einmal - einmal? Mehrmals! - in meinem Leben Journalisten zu Gast gehabt, fressen umsonst, saufen umsonst, sitzen in der ersten Reihe! Einer hat immer mit den Autoschlüsseln geklappert! Da habe ich gesagt: Hören Sie zu, alle - wenn er aufhört, mit den Autoschlüsseln zu klappern, werde ich die Vorstellung weitermachen - und bin gegangen! Und ich habe hinter der Bühne gesehen, wie die Leute hinter ihm ihn bedroht haben! Also wer hat jetzt recht? Wer ist der Volksaufputscher dabei und wo liegt die Moral?
MÜNCHENHAGEN: Volksaufputschen finde ich auch nicht schön, Fragen andererseits, finde ich, müssen gestattet sein...
KINSKI: Der kommt mir vor wie ein Polizist! Es ist ein großer Unterschied, ob einem etwas auf den Wecker geht - Fliegen zum Beispiel gehen mir unheimlich auf den Wecker, mir jedenfalls, ich kann Fliegen nicht ausstehen! Das heißt aber nicht, dass ich ihm eine klatschen will! Ich will sagen: Es ist relativ! Das ist so ein Fall, er ist völlig fehl am Platz, er hat sich eingemischt, ohne irgendeine Funktion zu haben, ist nicht mal schlimm, weil das hier nun wirklich nicht mein Laden ist... Ich bin hier Gast, nicht? Wenn Sie irgendwo Leute einladen zu einer Party oder was auch immer, dann sind Sie nett, logischerweise, man ist großzügig zu seinen Gästen und so. Wenn aber Leute kommen und stören, dann sagt man: Komm, komm, willst du auch was trinken? Hier! Aber geh mir nicht auf die Nerven!
MÜNCHENHAGEN: Der Unterschied ist nur: Mich hat er gar nicht so sehr gestört wie Sie!
KINSKI: Nein!
MÜNCHENHAGEN: Sie werten ihn unheimlich auf!
KINSKI: Hier wird immer alles so als Bonmots beklatscht, es werden die Worte so abgeschossen, dass man gar keine Zeit hat, diese zu untersuchen! Ich werte ihn nicht auf, ich mache ihn nicht wichtiger, als er ist! Es hat nur etwas zu tun mit unserer Unterhaltung! Sie haben mich ununterbrochen gefragt: Wieso darf ein Publikum nicht das oder das...? Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, es geht um die Vereinbarung, verstehen Sie? - Wir können gerne abbrechen, ich bin froh, wenn ich schlafen gehen kann, wirklich im Ernst!
MÜNCHENHAGEN: Nein, einen Moment müssen Sie bitte noch – oder sollten Sie bitte noch...
KINSKI: Fragen Sie die Engländer! Sie wissen es ganz genau, sie akzeptieren ein Spiel, dass wissen die ganz genau, und das ist ja auch schon ganz schön was!
MÜNCHENHAGEN: In England darf aber jederzeit einer aufstehen und was sagen!
KINSKI: Ja, Moment, nein!
MÜNCHENHAGEN: Doch!
KINSKI: Nein!
MÜNCHENHAGEN: Doch!
KINSKI: Nein! Ist nicht wahr, was Sie sagen! Wir haben von einem Abkommen gesprochen! Man muss in einem bestimmten Land bestimmte Regeln einhalten, die in diesem Land üblich sind! In Italien oder wo auch immer machen die Leute immer den Blinker, also machen Sie das auch, wenn Sie es nicht machen, gefährden Sie sich und die anderen! Verstehen Sie, das ist es, was ich sagen will! Es geht nicht um die Rechte eines Publikums, ich habe doch die Möglichkeit etwas zu sehen! So viel Applaus gratis kriegt man normalerweise gar nicht, ohne dass man irgendwas tut...
MÜNCHENHAGEN: Sie haben doch eine ganze Menge davon gehabt!
KINSKI: Ja, aber ohne dass man irgendwas tut, ich tu ja nix...
MÜNCHENHAGEN: Herr Kinski, ich möchte Sie noch was ganz anderes fragen: Wieso wollen Sie auf ein Schiff gehen und wegsegeln?
KINSKI: Genauso gut könnten Sie ein Tier im zoologischen Garten fragen, das die meiste Zeit seines Lebens im Käfig war, wieso es rauswill aus dem Käfig...
MÜNCHENHAGEN: Mit Tieren im zoologischen Garten ist es noch schwieriger, Gespräche zu führen als mit Ihnen! Und darum frage ich Sie!
KINSKI: Das ist Unsinn, das hat mit dem Ganzen, was ich gesagt habe, nix zu tun!
MÜNCHENHAGEN: Nein, nur mit dem, was ich gefragt habe!
KINSKI: Die Frage nehme ich Ihnen nicht übel, aber die kann nur kommen aus einer völligen Unkenntnis meiner Person, das ist kein Vorwurf gegen Sie, es kann mich niemand kennen, ich kenne mich selbst kaum...
MÜNCHENHAGEN: Aber so lange es noch andere Menschen gibt...
KINSKI: Die Frage ist völlig uninteressant, doch, sie ist wirklich uninteressant, das ist wirklich keine provozierende Antwort von mir! Ich habe, seit ich denken kann, an nichts anderes gedacht, als irgendwohin auf irgendeine Art abzuhauen!
MÜNCHENHAGEN: Das kann ich doch nicht wissen, deshalb frage ich doch...
KINSKI: Eben! Aber die Frage ist mir so abstrakt, ich kann sie gar nicht beantworten, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Es ist ja so: Jeder hat seine Realität, nicht? Es wäre ja langweilig, und ich will auch niemanden damit langweilen! Ich habe immer gesagt, ohne mich zu genieren, und ich glaube, wer darüber lacht und sich nicht damit identifzieren kann, ist ein Trottel oder Vollidiot: Ich hätte alles sein können in meinem Leben, das Furchtbarste! Ich wollte das nicht mehr und habe mir auch nie ausgesucht, Schauspieler zu sein! Es ist wie ein Ventil gewesen und hat mich auch vor vielen Dingen bewahrt in letzter Konsequenz! Wenn man es so sieht, kann man nicht mehr fragen: Wieso wollen Sie etwas hinter sich lassen, was Sie Ihr Leben lang gemacht haben? Man kann höchstens sagen: Mein Gott, endlich liegt das hinter einem! Es ist keine Frage und keine Antwort...
MÜNCHENHAGEN: Jajaja, es ist jetzt wirklich genug, ich guck auf die Uhr: Wir haben dem Titel wirklich genügt, wir haben ein bisschen gefragt...
KINSKI: Keine Antworten gekriegt, nix...
MÜNCHENHAGEN: Wenig an Antworten gekriegt, recht spannend fand ich’s trotzdem, danke Ihnen, danke Ihnen, danke Ihnen, wir sehen uns wieder.
[B]2. NDR Talkshow (Oktober 1985)[/B]
NDR: Klaus Kinski! Nach einem hinreißenden Fitzcarraldo, nach einem berunruhigenden Woyzeck jetzt wieder so ein richtig schöner Bösewicht! So ein verletzlicher, sensibler Mensch wie Sie - warum spielt der eigentlich immer diese Rollen? Warum spielen Sie nicht mal was, was Sie beglückt?
KINSKI: Ich versteh so schlecht, was du sagst, weil es sich immer so anhört wie die Ansage auf dem Flughafen, wo man immer hinhört, ob die Stimme von den Mädchen sexy ist, aber man versteht nicht, was sie sagen, ich versteh nicht...
NDR: Soll ich es nochmal wiederholen, meinst du, dass sich das dann irgendwann ändert?
KINSKI: Vielleicht...
NDR: Also die Rollen der Bösewichter sind etwas, was Sie besonders lieben – oder hat das was mit Geld zu tun?
KINSKI: Die Leute überall in Amerika oder in jedem Land der Erde sagen immer: Ach, Sie sind ja viel netter im Leben als im Film... Das wissen die natürlich gar nicht, weil das ja auch nicht stimmt, weil – ich bin viel schlimmer im Leben als im Film...
NDR: Schöne Geschichten...
KINSKI: Ich weiß gar nicht, was du damit meinst. Aber wenigstens zahlen die im Film Geld dafür. Also – was ist die Frage jetzt?
NDR: Aber könnten wir das nicht mal abklären? Es würde mir wirklich was dran liegen, ob es immer diese Rollen mit dieser bösen Ausrichtung sein müssen oder ob es nicht noch ganz andere Rollen gibt, die man gerne spielen würde als Schauspieler, Sie sind doch ein hervorragender Schauspieler, Sie könnten doch ganz was anderes spielen – zum Beispiel mit Herzog wieder mal, ist das geplant? Irgendwie scheint er heute ein ausgesprochenes Frisurenproblem zu haben...
KINSKI: Ich habe wieder nicht verstanden, was du gesagt hast, aber es muss wohl amüsant gewesen sein oder ein Missverständnis vielleicht, sonst würden die Leute nicht lachen oder so. So bei irgendwelchen Fernsehsendungen, auch in New York und so, wurde ich gefragt: Was ist, wie denkst du über Herzog und so? Da habe ich gesagt – im Amerikanischen, im Englischen kann man es so gut sagen: He is a pain in the ass...
NDR: Naja, das kann man nicht so gut übersetzen...
KINSKI: Doch, vielleicht ein Schmerz im Arsch oder weiß ich was, okay?
NDR: Ja, so ungefähr...
KINSKI: Das soll heißen, er geht mir auf die Nerven!
NDR: Aber es kann einem doch nicht jede Frage auf die Nerven gehen...
KINSKI: Die ganze Unterhaltung kann man so nicht anfangen, das ergibt alles keinen Sinn, du bist sehr entzückend und sehr nett – ich weiß nicht, was ich antworten soll!
NDR: Aber wir können uns ja schlecht über meine Strümpfe unterhalten!
KINSKI: Oder über deinen Popo zum Beispiel...
NDR:Also Klaus, versuchen wir mal was anderes...
KINSKI: Man kann so nicht drüberreden. Du suchst dir aus... ich suche überhaupt nichts aus, es hat Zeiten gegeben, und auch heute noch, wo mich mein Agent anruft und fragt: Soll ich das Drehbuch schicken? Und ich antworte: Wozu das Drehbuch, lies du es, was habe ich damit zu tun? Sag ihnen, ich will Geld, aus, basta!
NDR: Na also, das war es doch.
KINSKI: Nein, das war es nicht!
NDR: Hat doch mit Geld zu tun!
KINSKI: Nein, wieso? Den Produzenten kenne ich, ist ein großartiger Produzent, ist sogar ein Freund von mir, mit dem habe ich vorher drei, vier Filme gedreht – und vielleicht fliegt er wieder mal auf die Philippinen und so, verstehst du? Und außerdem – das ist eine gute Geschichte, eine Action-Geschichte, und alle sagen – ich meine die, die ihn schon gesehen haben – der Film ist großartig. Und alle sind begeistert. Also okay, nicht? Was soll man da noch fragen? Was ist sonst noch zu fragen? Du kannst mir nicht erzählen, dass es dich persönlich interessiert, warum ich einen Film nach dem anderen mache, ist doch nicht wahr.
NDR: Doch, ich finde das interessant, warum jemand immer diese Bösewichter-Rollen spielt, das haben wir jetzt abgehandelt, darauf brauchen wir uns nicht weiter auszutoben...
KINSKI: Was meinst du mit immer solche Bösewichter?
NDR: Ja, was ist denn das? Sind das liebenswürdige Rollen: Mörder, Killer, Geistesgestörte...?
KINSKI: Wir haben doch längst darüber gesprochen. Es gab mal einen französischen Film, da hieß es: Wir sind alle Mörder – was auf die meisten Menschen zutrifft. Wenn ich jetzt ein gebildeter und kultivierter Mensch wäre, was ich nicht bin, dann würde ich vielleicht sagen: Auch Goethe hat gesagt, ich bin nur kein Mörder, weil ich keine Gelegenheit habe, aber was ist das für ein Unsinn? Ein Mörder... ich meine, das ist eine Geschichte über eine Action, über eine Gang, über Leute, die sich gegenseitig umbringen! Jemand, der in Amerika Al Capone darstellt, hat der deswegen gleich 200 Leute umgebracht? Das ist Unsinn! Wie sagt man? Man fragt nicht solche Fragen, es ergibt keinen Sinn, hier hören 20 Millionen oder mehr Menschen zu. Man muss, ohne es zu übertreiben, einfach mal Schluss machen und anfangen, das zu reden, was vielleicht die Leute interessieren kann, das hat man alles schon so oft, also millionenfach – diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören...
NDR: Diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören!
KINSKI: Ja!
NDR: Das ist ein Standardsatz von Klaus Kinski, ich finde es zwar schwachsinnig, aber ich bin gut vorbereitet...
KINSKI: Nein, du bist wohl auch sehr gut vorbereitet, aber das hat damit nichts zu tun. Du bist sehr charmant, und ich will auch gar nicht groß auf dir herumhacken...
NDR: Aber Klaus...
KINSKI: Es ist nur: Man kann nicht, man muss irgendwann mal Schluss machen, wie sagt man, judge zu reden...
NDR: Müll!
KINSKI: Müll! Es ist Müll! Okay, haben wir ja lange genug drüber gesprochen, brauchen wir uns nicht weiter drüber zu unterhalten, aber...
ZUSCHAUERIN: Was hat man Ihnen eigentlich für Filme angeboten?
KINSKI: Das ist doch... man hat mir alles angeboten!
ZUSCHAUERIN: Ja, aber...
KINSKI: Lass mich doch mal ausreden! Sind wir hier vor Gericht, habe ich mein Auto falsch geparkt? Was soll der Quatsch, entweder man unterhält sich...
ZUSCHAUERIN: Das ist doch alles nur...
KINSKI: Nein, Moment, ich mein ja gar nicht Sie.
ZUSCHAUERIN: Ach so...
KINSKI: Ich habe 200 Filme gemacht, mir hat man mindestens 2000 angeboten! Na gut, das ist aber nicht dein Problem!
ZUSCHAUERIN: Nein, mein Problem ist es nicht, aber ich möchte es gerne wissen!
KINSKI: Oh, ich wurde schon so oft gefragt: Klaus, du machst so viel Quatsch im Leben, warum machst du nicht mal einen komischen Film? Sage ich: Okay, wieviel, how much? Wieviel zahlst du?
ZUSCHAUERIN: Blödsinn!
KINSKI: Was heißt hier Blödsinn? Dieser Quatsch, den die Schauspieler erst erzählen, dieser Mist, den die da runterleien, sagen: Habe ich gerade eine dramatische Rolle gespielt, mache ich mal einen komischen Film! Na und, who knows, who cares? Anders gesagt: Okay, habe ich gerade einen Abenteuerfilm gedreht, mache ich mal einen Actionfilm! Ist doch alles ganz unwichtig, ist doch nur, wie ich dieser Frau vom Playboy gesagt habe: Du willst doch nur deine Seiten füllen, wozu soll ich dir ein Interview geben und dein Buch füllen? Das ist alles dasselbe, ob ich jemand zum Tode verurteilt bin oder ein Dirigent mit einem Orchester, das ist old supermarket shit! Da sagt die: Yes, that’s true! Und – wenigstens hat sie es zugegeben! Okay? Man muss nicht einfach nur durch die Luft reden, so einen Blödsinn, es geht schon seit 20 Jahren so...
NDR: Es geht ums Ernstnehmen, Klaus...
KINSKI: Nein!
NDR: Ich nehme Sie ernst!
KINSKI: Na, das hoffe ich doch!
NDR: Ich habe nämlich auch Ihr Buch gelesen. Villon zum Beispiel ist für mich völlig assoziativ mit Ihnen, nicht?
KINSKI: Ich habe ja gesehen, sie hat einen entzückenden Popo...
NDR: Ach du lieber Gott...
KINSKI: Was auch immer der Grund ist! Alles andere ist Quatsch... ich brauche keine Komplimente von dir, es ist ja sehr nett, dass du mir ein Kompliment machen willst...
NDR: Ich will kein Kompliment machen, ich wollte etwas ganz Normales, Sachliches sagen, dass zum Beispiel aus dem Buch hervorgeht, das haben Sie, Herr Kinski, gesagt, dass Sie immer auf der Suche nach der Ursache von Leid und Elend gewesen sind, wenn Sie das in einer Autobiografie schreiben...
KINSKI: Wo steht das? Schlag auf!
NDR: Moment...
KINSKI: Moment...
NDR: Oh lieber Gott... das finde ich jetzt, aber hier steht etwas Ähnliches...
KINSKI: Aha...
NDR: Nein, Klaus! Hier steht etwas Ähnliches: Sie hätten den Vater Ihrer ersten Frau besonders geschätzt, weil er erkennen konnte, dass ich, Klaus Kinski, im Grunde meiner Seele verzweifelt bin und darum ringe, meinen Weg zu gehen...
KINSKI: Ah, der war sehr nett, ich habe immer unter Brücken geschlafen, und der hat mir immer eine Decke gebracht zum Zudecken. Ja! Ist ja nichts besonderes! Aber was hat der Mann damit zu tun?
NDR: Aber der Mann war doch okay? Ihr Schwiegervater...
KINSKI: Ja, er war okay, er hat das verstanden, dem musste ich nicht großartig erklären, wie ich es wagen konnte, mit seiner Tochter zu schlafen, ohne dass ich Millionär bin oder ein Bankkonto habe – er nicht! Aber was hat der Mann damit zu tun?
NDR: Es ging mir um die Zwischentöne, und die klangen irgendwie durch!
KINSKI: Du versuchst doch nichts anderes, was keinem jemals gelungen ist: Du versuchst mich in die Enge zu drängen!
NDR: Nein, das versuche ich nicht, ich wollte nur von Klaus Kinski etwas anderes hören...
KINSKI: Das ist sinnlos! Ich kann dir antworten, was ich immer ich will, immer ich will, auch das Gegenteil, du musst alles glauben, weil ich dich dazu zwinge, alles zu glauben! Es ist völlig sinnlos, diese Art von Unterhaltung zu führen! Wenn man eine Unterhaltung führt, dann, wenn man auf auf andere Menschen eingeht, speziell...
NDR: Dann sprechen wir doch darüber!
KINSKI: Ihr bekommt eure Fragen alle aus dem Computer, das ist also nichts besonderes, nur man muss irgendwann mal Schluss machen, ich habe es in Amerika gesagt, in jedem Land der Erde, immer wieder: Man muss aufhören mit dem Blödsinn! Man kann es sich antun, aber immer wieder den gleichen Dialog, ist ja nicht auszuhalten...
NDR: Lassen wir ihn mal das Thema bestimmen! Worüber würden Sie gerne reden, Herr Kinski?
KINSKI: Ich will das Thema überhaupt nicht bestimmen! Ich habe keine Ambition, hier große Zwischentöne zu machen, ich habe die größten Sachen abgelehnt, die es gibt, in Amerika...
NDR: Aber warum sind Sie dann hier, Klaus?
KINSKI: Ich habe doch gesagt, der Produzent ist ein großartiger Mann! Ich bin hier, weil er mich gefragt hat! Es ist eine Riesenanstrengung, 20 000 km zu fliegen, ist mein Probklem, nicht euers, einmal zugesagt, halte ich mein Wort, aber das bedeutet nicht, dass ich mir hier... na, wie sagt man?
NDR: Den Kopf schwer mache?
KINSKI: Nein, ich wollte was anderes sagen, ich wollte onanieren sagen... dümmlich...
NDR: Ich finde diesen Standpunkt völlig richtig, man macht es, weil man sich verpflichtet hat...
KINSKI: Clever, noch ist es originell, dass ich so antworte, es ist ganz natürlich für mich! Ich habe nie etwas anderes gesagt, als was ich dachte!
NDR: Ich wollte Sie noch etwas anderes fragen, weil ich Sie in einem Film gesehen habe...
KINSKI: Welchen?
NDR: Fitzcarraldo!
KINSKI: Ah ja, okay!
NDR: Sind Sie auch im wirklichen Leben ein solcher Opfernfan wie die Figur, die Sie dort darstellen, haben Sie ein solch leidenschaftliches Verhältnis zur Oper?
KINSKI: Nein, ich habe mal, aber aus ganz anderen Gründen, das ist also faszinierend, mit meinen Ohren an Riesenlautsprechern Caruso-Platten gehört, einfach weil mich der Mann ungeheuer fasziniert hat, ich konnte auch die Musik von Paganini hören, jahrelang, mit Riesenlautsprechern, das Ohr dran, es hat fast mit Wildnis was zu tun, diese Schwingungen, wie sagt man, it’s wild... Oper? Ich war nie in einer Oper in meinem Leben, noch nie in einer Oper! Könnte ich gar nicht aushalten, das Gehuste und Geklatsche von den Leuten!
NDR: Mit dem Gehuste und dem Geklatsche haben Sie völlig recht!
KINSKI: Ich war einmal in Wien, da haben die mich interviewt, oder im Burgtheater in Wien, da sagt man mir: Sie haben erreicht, was Vivaldi und keiner erreicht haben, in der Oper, da husten die Leute, und bei mir husten die Leute nicht, weil ich sage: Halt’s Maul, beweg dich nicht mehr, oder ich geh von der Bühne! Okay? Und sie haben sich nicht mehr bewegt! Na gut, wenn sie nicht wollen, geh ich nach hause, ganz einfach, wie sagt man...?
NDR: Ehrlich, ja. Tut mir leid, ich muss Ihnen schon wieder zustimmen, Sie haben die Leute, die im Theater husten, viel zu wenig beschimpft für meinen Geschmack!
KINSKI: Darum geht’s ja gar nicht, aber es gibt ja immer so Oberschlaue wie beim Radrennen, uh-uh, aber das ist ja völliger Blödsinn! Ich habe Vorstellungen gemacht vor 20 000 Leuten allein auf der Bühne, na gut, ich will jetzt hier kein großes Mitleid erregen, sondern ich meine: Vier Stunden allein auf der Bühne, da gibt’s einfach bestimmte Konditionen, die man verlangt, aus! Und dann dieses Mädchen hier, wie heißt die noch, ja, die mag ich gerne, einfach persönlich, ich hätte mich doch nie im Leben einladen lassen, habe doch überhaupt nix damit zu tun! Die hat mich gebeten: Mach es für mich, das ist für mich so wichtig, und ich sage: Okay, ich mochte sie wirklich gern... okay, wir haben uns so verabschiedet...
ZUSCHAUERIN: Wie gern?
KINSKI: Sehr gern! Was heißt wie gern? Sehr gern, regelrecht gern, ja!
NDR: Dann erzählen Sie doch davon!
KINSKI: Na, ich sprech doch dauernd! Und dann sagt man mir: Diese Dümlinge und diese Dummköpfe haben den ganzen Tag gedreht! Was die hinterher mit dem Material machen, dafür sind doch weder sie noch ich verantwortlich! Und dann sitzt man im Hotel und sagt: Talk-Show? Nee, ich will heute nicht! Und morgen sage ich übermorgen, und irgendwann sagt man dann okay. Wenn einer...
NDR: Außerdem amüsiert er sich doch dabei, nicht? Irgendwo... und bei dem Gerede ganz bestimmt...
KINSKI: Diese Franzosen, wie nennt man die? Filmfreaks, nicht? Da sagt man mir: Hach, natürlich, Sie machen es nur für Geld, aber nun kommen Sie, das ist doch ein Witz, und nun erzählen Sie mir, das ist doch nicht wahr! Da sage ich ja, ich weiß nicht, was Sie hören wollen! Die weigern sich zu akzeptieren, was du sagst! Natürlich mache ich es für Geld, nur für Geld!
NDR: Tja...
KINSKI: Und zwar so sehr nur für Geld, dass das Geld immer im voraus bei der Bank hinterlegt ist und alles, logisch! Was ist daran so speziell? Es ist überhaupt nicht speziell! Jeder macht es nur für Geld!
NDR: Das ist richtig, aber wenn man so einen Film macht, dann hat man ja auch eine gewisse Verantwortung!
KINSKI: Die habe ich immer, ich werde ja dafür bezahlt, sogar sehr hoch bezahlt! Da wir gerade über Fitzcarraldo reden, ich kann ganz easy, leicht nachprüfen, welchen Film ich gemacht hatte und welche Verantwortung ich einzuhalten hatte! In anderen Ländern sieht man das viel natürlicher! In Amerika, da lacht man drüber, weil – da weiß man – na gut, es macht mir auch keinen Spaß, dass man alles Job nennt, aber das ist eine pesönliche Ansicht! Ich habe in einem Interview in Amerika gesagt: Ich bin eine Hure, was ist verboten daran? Ich bin eine Hure, ich verkauf das! Nicht? Hure ist ja auch nur ein Wort, das Leute erfunden haben! Blame in the hell!
NDR: Ich wollte es noch mal anders versuchen, Herr Kinski...
KINSKI: Ich kann auf solche Fragen – Entschuldigung, ich will das nur sagen – einfach nicht antworten!
LEUTENEGGER: Klaus?
KINSKI: Ah, mein Freund...
NDR: Klaus Kinski hat heute Geburtstag, man glaubt es nicht. Das letzte Jahr vor seinem 60. Geburtstag: Er feiert hier mit uns seinen 59. Geburtstag, da sind wir ganz stolz drauf. Ob es eine Feier wird, wussten wir noch nicht, das sollte sich erst Mitternacht herausstellen. Unsere Geburtstagsüberraschung für Klaus Kinski ist Hans Leutenegger, erstens war er mal Olympiasieger, zweitens ist er ein richtig schöner Großindustrieller in Genf und drittens, ganz neu, Schauspieler und Kollege von Klaus Kinski in dem Film „Kommando Leopard“. Wie war die Zusammenarbeit? Da der Klaus sich so gefreut hat, sieht es so aus, als ob sie sehr gut war.
LEUTENEGGER: Ich muss sagen, nach dem dritten Tag war sie sehr gut...
NDR: Wie waren der erste und der zweite Tag...?
LEUTENEGGER: Er war mein Lehrmeister, und er wird mein Lehrmeister bleiben.
NDR: Sie haben vor, in der Branche zu bleiben?
LEUTENEGGER: Ja, ich will nach Amerika. Amerika braucht Nachwuchs...
NDR: Aha...
LEUTENEGGER: Meine Firma ist 21 Jahre alt. Ich muss aber auch sagen: Er ist einer der ganz wenigen großen Sportler, die ich kenne. Ich habe 35 Liegestütze gemacht, und er hat 50 geschafft.
NDR: Haben Sie auch sein Buch gelesen? Nach dem Buch könnte er auch Kunstturner sein, mühelos, bei seinem Sexprogramm.
LEUTENEGGER: Er könnte allerhand sein.
NDR: Ich habe mich sowieso gefragt: Jemand, der mit so viel mangelnder Liebe von seinem Beruf spricht und Schauspielerei eigentlich gar nicht so schön findet, der könnte doch eigentlich ganz was anderes machen.
KINSKI: So hat man zuletzt in der Schule mit mir geredet...
NDR: Jajaja...
KINSKI: Was heißt das?
NDR: Diese Biografie ist eine ganz besondere, eine Biografie, bei der ich brechen muss...
KINSKI: Das erinnert mich an den einen Schauspieler, der in einem dümmlichen Film einen dümmlichen Polizisten dargestellt hat und die Rolle gleich mit sich identifiziert hat und in einer Talk-Show sagt: „In meinem wirklichen Leben bin ich auch ein guter Mensch, denn ich habe schon als Schauspielschüler Spitzel für die Polizei gemacht und die Leute verhaften lassen, weil sie was geklaut haben, weil sie hungern...“ Ha...
NDR: Tja. Sind Sie denn inzwischen Amerikaner?
KINSKI: Ich habe so viele Leute erschossen im Film, die kann ich gar nicht mehr zählen, was hat das damit zu tun? Was hat das damit zu tun? Und dann dieses: „Mach erstmal einen komischen Film – und sei komisch!“ Das Komische ist nur, seit den Marx Brothers hat es in Hollywood gar keine komischen Filme mehr gegeben, nämlich, verstehst du? Das hängt jetzt einfach damit zusammen – du willst mich jetzt ausfragen – oh, ich klinge jetzt auch wie ein Ansager – du willst mich jetzt ausfragen, was ich mit diesen miesen, miserablen Filmen der letzten 20, 30 Jahre zu tun hatte? Was soll der Unsinn? Was habe ich damit zu tun? Ich brauchte Geld! Ich habe jedes Geld genommen, das ich konnte, okay?
NDR: Haben wir inzwischen alles verstanden, auch der letzte Idiot hat es verstanden...
KINSKI: Na gut, aber er wollte anders fragen.
NDR: Ja, ich wollte es eigentlich nur anders versuchen, Herr Kinski...
KINSKI: Und dann machen wir auch Schluss damit!
NDR: Dann machen wir wirklich Schluss damit! Ich wollte von Ihnen nur noch eines wissen: Ob es eine Wunschrolle noch gibt. Gibt es irgendeine Rolle, die Sie gerne noch spielen würden – ohne Hin oder Her?
KINSKI: Spielen, das Wort Spielen... es ist wirklich anstrengend. Man muss die Vokabeln richtig setzen, nicht? Mir hat man in einem Interview in Frankreich gesagt, ich wäre so ordinär, weil ich den Worten einen anderen Sinn gebe. Ich habe immer gesagt, seit 30 Jahre, ich habe nie gespielt in meinem Leben. So wie hier, ich komme hier rein – ich habe nix gegen das Mädchen, die ist sehr nett – aber überall in der Welt heißt es: „Herr Kinski schminkt sich nicht!“ Und dann die Antwot: „Jaja! Hier ist der Schminkraum!“ So als ob man gegen die Wand geredet hätte! Es steht überall und überall... ich habe keine Wunschrolle. Überhaupt: Wunschrolle, diese ganzen übernommenen Worte, die gibt es eigentlich gar nicht! Was soll ich dazu sagen? Ich kenne es nicht! Natürlich möchte man lieber mit Leuten einen Film machen, die man gerne mag, oder man mag das Land lieber. Ich mache nicht Theater, weil es Selbstmord ist, was mein eigenes Problem ist, weil es sich nicht lohnt, sich vor 2000 Leuten langsam umzubringen, it is unhealthy, okay? Es ist ungesund! Ich weiß, warum ich das sage! Mit Leutenegger würde ich lieber einen Film machen als mit jemanden, den ich nicht mag, oder mit dem Produzenten Dietrich aus der Schweiz...
NDR: Warum mögen Sie ihn denn?
KINSKI: Weil er ein fantastischer Mann ist, ein prima Kerl! Da brauchen wir gar nicht lange drüber zu reden!
[B]3. Na sowas (Oktober 1985)[/B]
GOTTSCHALK: Ich hoffe, mit mir ist er heute abend zufrieden: Herzlich willkommen, Klaus Kinski! Bitteschön, ja, Herr Kinski...
KINSKI: Mikrofon am Arsch...
GOTTSCHALK: Mikrofon da hinten drin...
KINSKI: Haben Sie auch so einen kleinen Apparat?
GOTTSCHALK: Ja, habe ich auch! Herr Kinski, Sie haben gesagt: Kinder, lasst mich erstmal ins Hotel, ich komm dann gegen 20 Uhr nach – sind Sie so ein spontaner Mensch, macht Ihnen das Spaß, so locker ran an die Sache?
KINSKI: Ich habe nicht gesagt: Kinder, lasst mich erstmal ins Hotel! Bei meinem letzten Talkshow-Besuch in Hamburg war es schlimm. Es ist normal, dass die Leute rauchen, aber da haben die alle gequalmt, drei Stunden lang, da kriege ich so eine Birne und Magenkrämpfe...
GOTTSCHALK: Sie sind praktisch nur dann sauer, wenn man Sie ärgert. Sie sind also von sich aus ein ruhiger Mensch, nur nicht, wenn man Sie ärgert. Wenn man Sie ärgert, kriegt man das, was man verdient?
KINSKI: Na, das ist, glaube ich, bei jedem so, oder?
GOTTSCHALK: Ja! Es ist natürlich so, dass wir auf unsere internationalen Stars, die wir haben, sehr stolz sind. Vielleicht haben wir ein paar Stars, die international bekannt sind. Wir sind sehr froh, dass Sie heute hier sind. Allerdings sind unsere ganzen deutschen Stars, die wir im Ausland haben, immer so ein bisschen Enfant terribles, nicht, also wir wollen mal zeigen, dass wir da sind?!
KINSKI: Ist das eine Live-Sendung?
GOTTSCHALK: Alles live, alles...
KINSKI: Aha! Ich meine: Hat das einen Sinn, was zu sagen, oder schneiden Sie das immer raus?
GOTTSCHALK: Nee, wir sind also alles live...
KINSKI: Ich meine – ich verstehe die Frage nicht!
GOTTSCHALK: Nee?
KINSKI: Da ist kein Zusammenhang, kein Zusammenhang...
GOTTSCHALK: Ich wollte sagen: Es gibt nur ein paar Stars, die wir haben, der Helmut Berger ist ein deutschsprachiger Star, der Rosenthal und weißichnichtwas...
KINSKI: Wer ist wir?
GOTTSCHALK: Wir, wir alle...
KINSKI: Und was bin ich, was bin ich?
GOTTSCHALK: Ja, Sie sind doch ein internationaler Star, sonst hätte ich Sie ja gar nicht eingeladen.
KINSKI: Ja, aber wer ist wir?
GOTTSCHALK: Wir, wir Deutschen... wir machen es ganz einfach...
KINSKI: Wiederholen Sie es nochmal, ich kann Ihnen nicht folgen.
GOTTSCHALK: Machen wir was anderes. Herr Kinski, Sie machen wahnsinnig viele Filme, Sie sind allerdings immer oder fast immer ein Bösewicht. Färbt das irgendwie ab auf die Privatperson? Sie wirken unfreundlich heute abend, zweifellos.
KINSKI: Schon wieder nicht verstanden...
GOTTSCHALK: Oh...
KINSKI: Nein, haha... Leute, die im Film Al Capone darstellen, machen die das im Leben auch so oder was? Was ist das für ein Unsinn?
GOTTSCHALK: Nein, schauen Sie her, Sie haben in vielen Rollen Menschen dargestellt, in Edgar-Wallace-Filmen, Sie sind Aguirre gewesen. Es sind spezielle Menschen, die Sie dargestellt haben. Wirkt das auf die Person irgendwie?
KINSKI: Was reden Sie denn da? Die einfachste Antwort ist: Es hängt einfach davon ab, wieviel man bezahlt, was man macht, speziell oder nicht speziell. Es ist eine anstrengende Arbeit, die man versuchen muss, den anderen beizubringen. „Wieviel bezahlen Sie? Nee, vergessen Sie es.“ Vielleicht geht man nach Südamerika oder nach Japan – so findet das statt.
GOTTSCHALK: Das weiß man, dass Sie beim Film ganz bestimmte Anforderungen stellen.
KINSKI: Bei den meisten Filmen versucht man es nicht noch blöder zu machen als man ist oder versucht zu retten, was man retten kann.
GOTTSCHALK: Sie sind also mit sich zufrieden, Sie liefern das Allerbeste ab, auch wenn es Ärger gibt?
KINSKI: Versteh ich schon wieder nicht, die Frage. Warum soll ich mit mir zufrieden sein? Das ist ein ganz organischer, natürlicher Vorgang. Wenn Sie mir das Mikro zu nah halten, mach ich das zurück. Und dann: Sind Sie jetzt zufrieden? Ja, natürlich bin ich jetzt zufrieden, weil Sie das Mikrofon nicht mehr so an mich halten!
GOTTSCHALK: Also alles ganz schlicht und einfach, das Doppelbödige ist gar nicht so da, Sie ärgern sich nur über Leute, die dumme Fragen stellen, so wie ich jetzt zum Beispiel?
KINSKI: Nein, ja, ziemlich viele dumme Fragen!
GOTTSCHALK: Oh, ich bin bekannt dafür...
KINSKI: Ich kann mich nicht darüber ärgern. Ich habe ungefähr eine Woche nicht geschlafen...
GOTTSCHALK: Eine Woche?
KINSKI: Man kriegt einen ganz trockenen Mund, hier ist es ein bisschen besser als in Hamburg, weil hier nicht geraucht wird. Ich denke im Augenblick daran, dass ich gleich ins Hotel zurück kann und ein Pilsner Bier trinken kann...
GOTTSCHALK: Es hat aber ein bisschen Spaß gemacht, oder?
KINSKI: Wahnsinnig viel Spaß. Ich habe mich wahnsinnig amüsiert...
GOTTSCHALK: Gell? Ich auch...
KINSKI: Das Mikro will ich nicht mitnehmen, ich bin froh, wenn ich es loswerde.
GOTTSCHALK: Wir verabschieden uns, das war „Na sowas!“ Für heute, in vierzehn Tagen sehen wir uns wieder...
KINSKI: Nicht nochmal, nein...
GOTTSCHALK: Nicht Sie, nein. Frohes Biertrinken, servus...