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janedoa2002
21.08.2004, 14:02
Harald Schmidt... immer die aktuellen Artikel aus dem Focus...
Also fang ich jetzt mal nen extra Tread an....
Kindersparbuchmärchen
In einem wunderbaren Land lebte einmal ein Mädchen, das wir Jennifer nennen wollen. Nein – müssen. Sie war acht Jahre alt und wünschte sich nichts sehnlicher als eine Zahnspange. Ihre Eltern, die nichts auf der Welt lieber hatten als Jennifer, bemerkten den Kummer ihrer Tochter und sprachen: „Weißt du, Jennifer, eine Zahnspange ist nur was für Kinder, die auch Zähne haben. Du aber hast keine Zähne, sondern schwarze Stumpen. Das kommt daher, weil du als Baby von uns Eistee in der Nuckelflasche bekommen hast. Außerdem hat Mami dir schon mit sechs Monaten Schokoladenaufstrich zugefüttert. Und in den Schränken und Schubladen, in denen andere Kinder ihre Spielsachen aufbewahren, liegen bei dir die köstlichsten Süßigkeiten der Welt.“ Da war Jennifer nicht länger traurig und holte sich zur Belohnung erst mal zwei Shrek-Eis aus der Kühltruhe in ihrem Zimmer.
Am Abend desselben Tages, als Jennifer gerade in ihr zusätzlich verstärktes Hochbett klettern wollte (der Kinderarzt hatte dringend zu mehr Bewegung geraten, obwohl doch Jennifer laut ihrer Mami Idealgewicht hatte, nämlich Lebensalter minus zehn), da hörte sie ein merkwürdiges Geräusch. Irgendjemand kratzte am Fenster.
War es der Pizzadienst, der die Klingel nicht fand? Oder war es Tante Heidi, die erste Frau von Vati, die noch was zu trinken haben wollte. Jennifer atmete schwer, denn die drei Sprossen am Hochbett hatten sie schwer aus der Puste gebracht. Da – schon wieder das Geräusch, diesmal, als ob jemand mit einem spitzen Gegenstand an die Scheibe klopfte. Vorsichtig öffnete Jennifer den Vorhang. Sie traute ihren Augen kaum: Auf dem Fenstersims saß ein Rabe. Er war aber nicht schwarz, sondern rot-metallic, hatte Flügelheizung und tiefer gelegte Schwanzfedern.
„Was bist du für ein seltsamer Vogel“, rief Jennifer und holte sich einen Schokoriegel aus der Schublade. „Hartz, hartz“, krächzte der Rabe. „Ich bin kein richtiger Vogel, sondern ein verzauberter Prinz. Du aber kannst mich erlösen.“ Jennifer kaute und überlegte: Was hatte sie schon für Geschichten gehört und gesehen, seltener mal vorgelesen bekommen, in denen verzauberte Prinzen erlöst wurden? Küssen, an die Wand werfen, ihn in ihrem Bettchen schlafen lassen? „Was soll ich tun?“, fragte Jennifer und nahm einen Schluck Erdbeershake, den ihr Mami immer abends neben die Harry-Potter-Lampe stellte. „Hartz, hartz“, krächzte der Rabe wieder. „Schenk mir dein Sparbuch, so bin ich erlöst.“ – „Hä, was?“ fragte Jennifer erstaunt. „Hartz, hartz, dein Sparbuch“, kam es erneut vom Raben. Jennifer war enttäuscht. Sie hatte sich schon darauf gefreut, ein bisschen mit dem gefiederten Freund zu schmusen oder ihm ein Halsband aus Scoubidou zu machen. Aber weil sie ein wohl erzogenes Mädchen war, begann sie nach ihrem Sparbuch zu suchen. „Hartz, hartz, beeil dich“, fleht der Rabe. „Gleich ist Mitternacht, und vorher muss ich erlöst sein.“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, schlug die Turmuhr zwölfmal. Es krachte, zischte und rauchte, der Rabe war verschwunden. Stattdessen stand ein nagelneuer Phaeton vor Jennifers Fenster. „Mich will auch keiner“, schluchzte eine Stimme aus dem Kofferraum, und dann fuhr der Wagen wie von Geisterhand zum Arbeitsamt.
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Steht zur Diskussion frei!!!
janedoa2002
21.08.2004, 14:05
Klinsi
Wenn nichts mehr schief geht, haben wir demnächst mit Klinsi den schönsten Teamchef seit Franz. Wobei Franz ja mehr fesch war. Aber mit Klinsi, Olli (Bierhoff) und Doc Müller-Wohlfahrt böte die Trainerbank künftig bei Länderspielen eine optische Attraktivität, die fragen lässt: Wozu die Kamera noch auf das Spielfeld richten? (Sorry, Michael Ballack!)
Das ist gerade bei einer „WM im eigenen Land“ nicht zu unterschätzen. Stichwort: Werbung. Vorstellbar, dass es bei der Fifa bald heißt: Die Deutschen, sind das nicht die mit der Boygroup auf der Bank? Schluss mit kumpeligem Mannschaftszugeproste für irgendwelche Eifelbrauereien. Ab jetzt werden sich Klinsmann/Bierhoff in der Halbzeit shampoonieren, dass für Netzer/Delling nur noch Sekundeneinsätze bleiben. Es spricht für die große Cleverness der TFK (klingt irgendwie nach neuem Flachbildschirm oder resistentem Virus, ist aber die effektivste Spezialtruppe seit der GSG9), dass sie uns wochenlang mit irgendwelchen Namen (eigentlich allen außer Werner „Beinhart“ Lorant) genasführt hat, während für jeden mit einigermaßen Fußballverstand (also 80 Mio. Deutsche) nur der „clevere Schwabe“ mit „Lebensmittelpunkt Kalifornien“ in Frage kommen konnte. Er war Weltmeister, er war Europameister – wird er jetzt der „Kaiser von Kalifornien“ (wir Luis-Trenker-Fans wünschen es uns so sehr)? Hier muss die Frage erlaubt sein: Hat die Politik wieder mal versagt? Nichts gegen Sachsen-Anhalt und Brandenburg, aber wäre ein Beitritt Kaliforniens zur BRD nicht irgendwie der Zukunft zugewandter gewesen? Pleite sind die auch, aber erstens ist das Wetter nun wirklich besser, und zweitens kam selten so viel Gutes für uns „im eigenen Land“ von irgendwoher wie aus dem „Goldstaat“. Zum Beispiel Thomas Gottschalk. Schwebt regelmäßig top erholt und sportlich gebräunt aus Malibu ein, um mit „Wetten, dass ...?“ Rekordquoten zu holen. Findet beim ZDF ähnliche Strukturen vor wie Klinsi beim DFB. Oder Haim Saban. Verzehnfachte den Kurs der ProSiebenSAT.1 AG. Brach verkrustete Strukturen (DFB!!!) auf, denkt langfristig. Nimmt Druck von Nachwuchsleuten. Kann es Zufall sein, dass Haim und Thommy Nachbarn in Malibu sind? Steht das „Wunder von Kalifornien“ kurz bevor? (Der Fairness halber sei noch mal ausdrücklich darauf verwiesen, dass Arnold Österreicher ist/war/bleiben wird).
Beunruhigt müssen wir allerdings bei Redaktionsschluss lesen, dass mit Oliver Bierhoff über seinen Managerposten noch nicht abschließend verhandelt wurde. Bitte, urgent! Traurige Erinnerung an Portugal: Klose, Schneider, Bobic – was hätten die mit dem richtigen Manager die Dinger reingesemmelt! Zum Glück hat Klinsi im Falle von Bierhoffs Absage eine „interessante Alternative“. Und die kann nur heißen: Lothar Matthäus. Mit dem Doppel Klinsi/Matthäus wäre die deutsche Mannschaft auf Jahre unschlagbar. Tut mir Leid für den Rest der Welt. Gut, Ähnliches haben wir von Franz 1990 in Italien gehört, aber diesmal stimmt's.
Seit gemeinsamen Zeiten beim FC Bayern darf Lothar Matthäus geradezu als Vertrauter von Klinsmann gelten. Alle, die wo das bezweifeln, sollten sich fragen, ob sie für den „Titel im eigenen Land“ alt genug sind. Eines zumindest könnte ein Manager Matthäus dem Teamchef Klinsmann – und das sieht auch der Franz so – garantieren: erstklassige Pressearbeit. Dafür könnte er sogar Trainer in Ungarn bleiben.
janedoa2002
21.08.2004, 19:38
und noch ganz frisch:
Deutscher Untergang
„Darf man fragen, wo der Herr die Nacht verbracht hat?“ – „Im Graben.“
Dieser Dialog war bisher nur den Freunden von Becketts Warten auf Godot bekannt. Doch wehe! Nicht fern scheinen die Zeiten, in welchen man sich solcherart auch in der SPD-Zentrale begrüßen wird. Zerlumpt, verarmt, verlassen – sind die Tage unserer stolzen Nationen gezählt? Wem dies zu schwarz gemalt erscheint – bitte: Hartz, die Wespen, die Amis, die Schwimmer! Weitere Beispiele gefällig? Man muss wirklich jeden Deutschen bewundern, der sich in diesen Tagen überhaupt noch aus den Federn erhebt. So er denn noch welche hat (Anne-Will-Diktion). Ganze Regionen betten sich bereits auf Stroh. Ehemalige Zweitwagenbesitzer bedecken ihre ausgemergelten Körper mit mehrfach rechtschreibreformierten Zeitungen. Wird der Gute-Nacht-Kuss in der Gosse die einzige Form von Zärtlichkeit, die sich Neue-Mitte-Wähler bald noch leisten können?
Sicher, Struck is back. Das Comeback („mit Power, ohne Pfeife“) des von einem leichten Schlaganfall genesenen Kabinettstars ist für viele Deutsche ein Grund, die Flinte zumindest vorübergehend noch mal aus dem Korn zu holen.
Wer den sanft gebräunten Rekonvaleszenten auf seiner Sommerreise mit jener fesselnden Mischung aus Jovialität und Sachverstand nicken sah, weiß: Wir können es auch ohne Amis schaffen! Typisch Amis: Jetzt, wo sie unsere Weiber durchhaben, gehen sie! Aus fernen Kindertagen klingt mir noch jenes Volkslied im Ohr: Jede Amihur hot a Armbanduhr, aber onseroiner der hot nix. Wahrscheinlich waren wir für unsere amerikanischen Freunde nie mehr als Vietnamesen mit runden Augen. Geradezu entsetzt darf man sein, wenn der US-Verteidigungsminister Rumsfeld erklärt, er erwarte „keine russischen Panzer in der norddeutschen Tiefebene“. Als treue Verbündete dürfen wir darauf hinweisen: Wir haben damals auch keine amerikanischen Landungsboote in der Normandie erwartet.
Im modernen Europa muss man kein ZDF-Olympiareporter sein, um locker den Übergang von der Kanalküste nach Athen zu schaffen. Schließlich lauert am Beckenrand kein schwer bewaffneter Feind, sondern die alterslose Christa Haas. Trägt sie Mitschuld am leicht enttäuschenden Abschneiden unserer Schwimmer, den männlichen und den weiblichen? Wohl kaum, auch wenn ihr sonorer Bariton manchen Athleten vielleicht länger als geplant im Wasser verbleiben ließ. Also was war es dann? Auf folgende Gründe haben die Betreuer bisher urheberrechtlichen Schutz angemeldet: das Wasser, die Beine, der Wind, das Wetter, die Psyche, der Druck, die Medien, der Druck in den Medien, die Erwartung, der Husten, der Schnupfen ... (bitte ergänzen). Verdammt, warum trifft das nur uns? Warum erlauben die Götter, dass sich die Australier eine Medaille nach der anderen umhängen? Habt ihr noch nie einen Film von Mel Gibson gesehen? Oder war das mit Nicole Kidman nicht Lenny Kravitz, sondern wieder Zeus in einer dämlichen Verkleidung?
Nein, wir wollen nicht ungerecht sein. Schließlich ist alles nur eine Frage der Kommunikation. Also nur Mut, Béla Anda! Der schneidige Regierungssprecher, der so aussieht, als würde er gleich für Argentinien im Dressurreiten starten, soll bitte die wichtigsten positiven Nachrichten zügig unters Volk bringen: Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle Deutschen, keine Volksstämme auf der Flucht und Malaria in NRW ausgerottet! Und gibt es denn nicht ganz zauberhafte Neuigkeiten aus der Kanzlerfamilie? Doch halt! Die sind nun wirklich privat.
janedoa2002
28.08.2004, 18:24
Kleine Münze
Arme kleine Münze! Niemand hat dich lieb. Rostrot liegst du im Geldbeutel rum und wirst rundweg von allen abgelehnt. Unabhängig von Einkommen und Bildungsstand. Der Pfennig, der hatte noch so was Mythisches, Symbolhaftes. Von wegen: ... nicht ehrt, ist den Taler nicht wert ... und so. Wobei ich kürzlich eine Nachrichtensprecherin hörte, die in diesem Zusammenhang den Genitiv verwendete: ist des Talers nicht wert. Nun bin ich kein Leserbriefschreiber mit Doktortitel oder jemand, der sich auf überfüllten Todesanzeigen noch zwischen Trauernde quetschen würde, welche dem Adel angehören, dennoch scheinen mir in oben erwähntem Fall sowohl Akkusa- als auch Genitiv möglich. Auch vergaß ich, Folgendes zu erwähnen: Mit zunehmendem Alter diagnostiziere ich bei mir einen Hang zur Abschweifung. Eigentlich wollte ich einen Besinnungsaufsatz schreiben zum Thema „Wie lange kann sich der deutsche Einzelhandel in Zeiten wachsender Globalisierung noch gegen die überwältigende Mehrheit seiner Kunden stellen, die eine Abschaffung von 1-,2- und 5-Cent Münzen begrüßen würde und nicht länger so doof ist, sich von heuchlerischen 1,99-Angeboten an den Point of sale locken zu lassen?“
Aber unsere Zeit ist zu schwierig und die Vernetzungen sind zu vielschichtig – stopp! Aus! Es folgt eine wichtige Mitteilung: Im ICE 1654 zwischen Erfurt und Frankfurt/Main erfolgt am 25.8.2004 um 10.06 Uhr folgende Durchsage: „Meine Damen und Herren, eine Information für unseren Fahrgast auf dem Behinderten-WC: Bitte drücken Sie zur Spülung nur den grünen Knopf, der rote ist unser Notruf.“ Kurzes Schweigen im Großraumwagen, dann ruft ein Fahrgast: „Na, vielleicht brauchta Hilfe.“ Keine Reaktion. Schweigen. Auch ich schaue weg. Ich drücke mich vor einer Entscheidung. Hat sich vielleicht ein Nichtbehinderter auf die Toilette gemogelt und dort aus schlechtem Gewissen einen leichten Schwächeanfall erlitten? Drückt ein Verzweifelter auf den roten Knopf, weil er sich allein gelassen fühlt? Und wird dieses womöglich finale Drücken vom freundlichen Bahnmitarbeiter irrtümlich als Fehlspülung interpretiert? Mir kommen Geschichten in den Sinn, die sich in letzter Zeit häufen. Geschichten von Menschen, die auf der ICE-Toilette den grünen Knopf drücken und denen anschließend die komplette Ladung um die Ohren fliegt. Irgendwas läuft da schief, die Bahn prüft. Auch wer in Fulda aussteigt, möchte nicht mit den Fäkalien eines Fremden auf dem Revers seinen Geschäften nachgehen.
Gerade, als ich noch mal nach meinen Cent-Stücken schauen will, wird mein Blick ins Portemonnaie von etwas angestaubten und leicht geknickten Visitenkarten abgelenkt: ein Restaurant in Zürich, ein Fachanwalt für Familienrecht, der Geschäftsführer eines Fernsehsenders ... stumm liegen sie in ihrer Lederfalte. Muss ich mich bald von einer meiner liebsten Redewendungen verabschieden: „Etwas mit kleiner Münze heimzahlen“? Keine Antwort.
janedoa2002
04.09.2004, 20:30
Deutscher Michael Moore
Warum hat Deutschland keinen Michael Moore? Einen hässlichen Dicken mit versifft wirkendem Bart, der ständig so sehr auf der richtigen Seite steht, dass einem der Regierungschef richtig sympathisch wird. Wen haben wir? Oskar Lafontaine. Bart hat der keinen. Zudem wirkte er als Special Guest in Leipzig erstaunlich schlank. Ist es die Sorge um Deutschland, welche die ehemals fülligen Gesichtszüge des Revolutionsführers gestrafft hat? Weder scheffelt Lafontaine Millionen an Dollar mit seinen Büchern und Filmen noch holte er jemals in Cannes Gold für Deutschland. Nicht mal beim Deutschen Fernsehpreis oder der Goldenen Henne darf er rufen: „Schämen Sie sich, Herr Schröder!“ Der hat außerdem schon wieder die besseren Bilder. Jener lange Steg am Schwarzen Meer, welchen er mit seinem Freund Wladimir Putin in Richtung wiegende Wogen entlangschritt. Kurzfristig sah es so aus, als liefen die beiden übers Wasser. Vor allem Putin wirkte so entspannt, wie es nur einer sein kann, der gerade wieder in Tschetschenien den Fortbestand der Demokratie gesichert hat.
Welche Bilder sehen wir dagegen von Lafo? Nicht mal das eine Ei, welches ihm gilt, trifft ihn richtig. Der SPD-Kandidat von Leipzig bezeichnet ihn als „Mann von gestern“. Das alles wäre Michael Moore nicht passiert. Notfalls wäre der mit eigener Hühnerfarm angereist. Nun sind wir nicht befugt, der PR-Abteilung des Kanzlers Ratschläge zu erteilen. Kein Grund, es nicht gerade deshalb zu tun. Was der Kanzler jetzt also braucht, ist ein deutscher Michael Moore. Eine Type, die einem in jeder Talk-Show und Nachrichtensendung so gewaltig auf den Sack geht, dass man sagt: Zur Strafe wähle ich noch mal Schröder. Unter den Stammgästen bei Christiansen ließe sich bestimmt einer finden. Vollbart wachsen lassen, Baseballmütze aufsetzen – in etwa so wie unser Außenminister beim streng privaten Marktbummel. Wäre Deutschlands beliebtester Politiker nicht überhaupt die denkbar beste ...? Nein, nein, zwischen die beiden passt kein Blatt Papier.
Nächster Schritt: Neue Themen setzen! Was hindert den Kanzler daran, demnächst in der Westfalenhalle empört zu rufen: „Liebe Freundinnunnfreunde, warum seid ihr sauer auf mich? Das hat sich doch alles dieser Hartz ausgedacht!“ Mit der Wahrheit konnte die Basis traditionell gut umgehen. Und dann muss folgendes Wortspiel erlaubt sein: „Wer sich über Hartz aufregt, sollte vielleicht mal an sein Herz denken. Liebe Freundinnunnfreunde, die größte Gefahr für die meisten von euch – das sach ich mal ganz platt – is nich Hartz oder der Zahnersatz, das ist der Herzkasper. Zu dick, zu faul, zu Pils, zu Kippen – wer in den Ortsvereinen sieht denn noch seine Füße, wenn er nach unten schaut? Damit verbinde ich mein politisches Schicksal: Bis 2006 werden wir die Zahl der Herzinfarkte in Deutschland halbieren. Das verspreche ich als der Doris ihr Mann. Glückauf.“
Schweigen in Dortmund. Münte verschluckt seinen brennenden Zigarillo. Montagsdemos werden im Laufschritt abgehalten, so dass man sich nebenher noch unterhalten kann. Selbst das ehemals kanzlerkritische Boulevardblatt jubelt: Herz statt Hartz – Deutsche wollen leben. Alles eine Frage der Kommunikation.
janedoa2002
11.09.2004, 14:35
Elterngeld
Erinnert sich noch jemand an Bert Rürup? Es war still geworden um den dynamischen Gelehrten. Überall nur noch Hartz. Dabei hatte Prof. Rürup auf dem Höhepunkt seines öffentlichen Wirkens sogar eine eigene Kommission! Fast täglich machte sie tolle Vorschläge, an die wir uns jetzt im Detail nicht mehr so erinnern können. Es darf aber behauptet werden, dass das Volk in den Zeiten von Hartz Tränen in die Augen bekäme, dürfte es einen Vorschlag der Rürup-Kommission umsetzen. Pling! Da isser wieder! Hat im Auftrag von Familienministerin Renate Schmidt eine Studie über „Nachhaltige Familienpolitik“ vorgelegt. Was auf den ersten Blick total verkopft wirkt, ist bei näherer Betrachtung so einleuchtend, dass es sich demnächst sogar das Wir-sind-das-Volk auf die Transparente schreiben könnte: Warum werden Akademikerinnen nicht schwanger? Klingt stark vereinfacht, ist es auch. Muss es auch sein, wenn es die Menschen draußen in den Schlafzimmern erreichen soll.
Die Regierung hat wirklich alles probiert: Geld, überdachte Kindergärten, gute Worte. Nix los. Die gebärfähige Erwerbstätige zeigte sich genauso stur wie die erwerbsfähige Gebärfähige. Eins Komma irgendwas Kinder kriegt die deutsche Frau zwischen 30 und 40. Nicht mal gegen Bares von Vater Staat (der zahlt immerhin) war sie bisher bereit, sich befruchten zu lassen. Halt, das ist nicht so zuchtbullig gemeint, wie es klingt! Denn die Wissenschaft hat festgestellt: Geld spielt nicht die entscheidende Rolle. Vielmehr sind fehlende Tagesmütter, Krippen- und Kindergartenplätze der Grund, warum viele Frauen auf die vielleicht schönste Erfahrung in ihrem Leben verzichten (diese Formulierung müsste für obige Verbalentgleisung entschädigen).
Dies ist die Stelle für deutliche Worte: Gerade bei strunzdummen Müttern ist es wichtig, ihnen die Kinder so früh wie möglich zu entziehen. Das kettenrauchende Billigflittchen mit SMS-Wortschatz hat dem Kind kurz nach der Entbindung nicht mehr allzu viel zu vermitteln. Eine herzensgute Tagesmutti mit Zeit zum Knuddeln und einem reichhaltigen Angebot an Krabbelfreunden aus Besserverdienerkreisen kann hier wesentlich segensreicher für die Kindesentwicklung sein.
Nun sollten wir bei aller strengen Objektivität nicht vergessen, dass vor allem gut ausgebildete Top-Verdienerinnen für eine Babypause begeistert werden sollen. Geht es nach den Plänen von Frau Ministerin Schmidt, gibt es künftig 14 Monate lang Erziehungsgeld, und zwar abhängig vom Einkommen. Dringend gewünscht wird, dass auch Vati zu Hause bleibt (wenn er es nicht schon ist, aber dann greift ja Hartz IV). Die Tatsache, dass 40 Prozent unserer Akademikerinnen kinderlos bleiben, muss uns erschrecken. Glaubt man den Frauenzeitschriften, sind es doch vor allem Ärztinnen, Juristinnen und Chefredakteurinnen, Ende 30, die nach Feierabend auf ihren Manolo Blahniks in irgendwelche Lounges stöckeln und sich in den dortigen Hygienedepartments von zehn Jahre Jüngeren waschbrettern lassen. Es wäre schön, wenn diese Frauen der Gesellschaft ein bisschen was von dem zurückgeben würden, was sie von ihr bekommen haben.
janedoa2002
18.09.2004, 19:39
Chancengleichheit
Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, womit unser Bundespräsident vergangene Woche in diesem Magazin für Wirbel gesorgt hat. Wir wollen deshalb versuchen, die Diskussion zu versachlichen. Es wäre sicher auch im Sinn eines Alexander von Humboldt gewesen, den Osten bis auf Rostock, Dresden, Leipzig, Magdeburg und Erfurt dichtzumachen. Versprochen waren schließlich blühende Landschaften, und die wären schnell zerstört, stünden dort hässliche Fabriken. Kann es überhaupt gleiche Lebensbedingungen in Ost und nicht ganz so Ost geben?
Natürlich herrscht in Dresden eine andere Lebensqualität als in Köln. Hier das Elbflorenz mit Semperoper, Zwinger, Frauenkirche, Museen und Elbsandsteingebirge – dort die verdreckte Großbaustelle vor den Toren des Phantasialandes. Trotzdem hat man noch nie Klagen aus der Domstadt vernommen. Zweitklassig, aber mit Herz – wir Kölner stellen uns gern als Modell für Deutschland zur Verfügung!
Sowieso wäre es angebracht, über den eigenen Papptellerrand hinauszuschauen. Eine kleine Auswahl befreundeter europäischer Staaten zeigt: Gefälle gibt es überall. Zum Beispiel in der Schweiz: In der eleganten Westschweiz leben ausschließlich Milliardäre. Mit dem kehligen Gejodel im Rest des Landes hat man hier nichts zu tun. Man spricht Französisch. Genfer See, Walliser Alpen, pro Hektar mindestens ein 3-Sterne-Restaurant – Lebensqualität vom Feinsten. Die Ostschweiz grenzt zwar an den Bodensee, aber der ist ja auch kleiner, als man uns jahrelang vorgegaukelt hat. Fährt man mal übern Rhein, ist man gleich in Österreich. Eindeutiges West-Ost-Gefälle.
Frankreich: Pardon, aber der Platz reicht nicht aus, um die Vorzüge des Midi zu schildern. Côte d'Azur, Provence, Camargue, Languedoc, St-Tropez ... Wer dann noch einen Platz auf Flavio Briatore oder zumindest seiner Jacht findet, der darf sich fühlen wie Gott in Bergisch Gladbach. Bonjour tristesse dagegen im Norden. Außer den Kathedralen von Amiens und Reims nur Felder und Bergbau. In kurzen Röcken rennen rauchende Frauen mit bleichen Beinen durch den Regen. Selbst der Thalys gibt hier Gas. Vorteil Süd.
Italien: Hier wurde das Nord-Süd-Gefälle erfunden. Was will man von einem Land erwarten, in dem der Regierungschef Kopftuch trägt?
Polen: In diplomatisch heiklen Zeiten ist es uns eine Freude, mitteilen zu dürfen, dass im gesamten Nachbarland jenseits der Oder einheitlich vorbildliche Lebensqualität herrscht. Dies sollte Ansporn und Maßstab sein.
Tschechien: siehe Stundenlohn und Zuwanderung deutscher Konzerne.
Und wie sieht es eigentlich mit der Chancengleichheit in unseren Familien aus? Kaum ein Zwölfjähriger hat den Führerschein, während Opa häufig bremst, indem er einfach den Wagen sanft gegen das Mäuerchen rollen lässt. Fast hundert Prozent der werktätigen Männer müssen morgens die Wohnung verlassen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Mutti dagegen dreht sich noch mal rum. Und was ist mit den knackigen Bauarbeitern, die eine zwanzig Jahre ältere Millionärswitwe geheiratet haben, weil sie noch an die echte Liebe geglaubt haben? Schlimmste Abhängigkeit, und die Nachbarn schauen weg! Wie bitte erklärt uns die Bundesregierung, dass mancher Neunzigjährige sich frech eine Zigarette anzündet, während Jogger Anfang vierzig tot vom Laufband kippen? Schon bei den nächsten Landtagswahlen könnte es dafür einen Denkzettel geben!
janedoa2002
25.09.2004, 21:39
Auf See
Das Wahlergebnis erreicht mich wenige Seemeilen vor dem Prinz-Christian-Sund an der Südspitze Grönlands. Auf meiner neuen Privatjacht (28 600 BRZ, 270 Mann Besatzung, dazu 280 enge Freunde, die ich zu diesem „Törn“ eingeladen habe) macht sich Entsetzen breit. Nicht darüber, dass es in Deutschland noch immer Wahlen gibt. Nein, selbstverständlich über das Ergebnis.
Kopfschüttelnd und sehr nachdenklich köpfe ich bzw. lasse ich eine Flasche Dom Pérignon Vintage 1996 köpfen. Doch halt! Ist es angebracht, in diesen Zeiten einer breiten Öffentlichkeit davon zu berichten, auf welche Weise ein ganz normaler Mittelständler sich Richtung Neue Welt bewegt? Habe ich vergessen, dass die Neidgesellschaft bei uns im Grundgesetz verankert ist? Vielleicht glättet es die Wogen (schon wieder eine maritime Anspielung!), wenn ich erzähle, dass mein schneeweißer Hochseetraum aus meiner Lebensversicherung bezahlt wurde. Die habe ich mir auf Anraten des zuständigen Sachbearbeiters auf dem Einwohnermeldeamt rechtzeitig vor dem 11. September auszahlen lassen.
Dann erfolgte die Investition in Sachwerte: 2 Kreiselkompassanlagen mit Selbststeuerung, 1 Magnetkompass, 3 Radaranlagen, 1 Echolotanlage zur Bestimmung der Wassertiefe, 1 Doppler-Log zur Geschwindigkeitsmessung sowie 2 DGPS-Empfänger zur Positionsbestimmung. Bleibt die Frage: Könnte eines der Geräte Angela Merkel in ihrer momentanen Situation helfen? Dieser Themenwechsel kann nur demjenigen abrupt erscheinen, der nicht weiß, dass mancher meiner Gäste „Frau Merkel nichts mehr zutraut, seit wir sie in Bayreuth erlebt haben“. So schnell kann's gehen! Gestern noch angewidert von „diesen rot-grünen Nichtskönnern“, heute schon voller Respekt für „Schröder, den wir nun wirklich nicht mögen“, der aber seine Reformen, „die ja bitter nötig waren, auch weil unsere Leute manches vergeigt haben, wolln wa gar nich beschönjen“, mit erstaunlicher Härte durchzieht.
Während das Grönlandeis in meiner Bloody Mary leise knirscht, komme ich zu folgender Ferndiagnose: Frau Merkel hat einen putzigen Ausflugsdampfer im Angebot, der auf einem künstlichen Binnengewässer stets in Landnähe tuckert. Die deutsche Wählerseele aber verlangt nach einem Kapitän, der das gewaltige Containerschiff auch bei Windstärke zehn stramm auf Kurs hält. In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis von der Brücke: Die Bezeichnung „Leichtmatrose“ für Herrn Dr. Westerwelle ist eine Beleidigung für jeden Leichtmatrosen. Land in Sicht!
janedoa2002
09.10.2004, 14:54
Digicam
Es war eine Woche der guten, ja herzerweichenden Nachrichten: Olli Kahn ist wieder er selbst, das Ozonloch messbar kleiner und Claudia Roth ansteckend happy. Selber schuld, wer hier keinen Zusammenhang sieht. Kein Zweifel: Stimmungsmäßig ist die Wende in Deutschland geschafft, und auch die CDU kann „zweistellig“ (Wort des Jahres?) bleiben, wenn sie weiterhin so konsequent Geschlossenheit demonstriert.
Selbst auf dem Gebiet des Nobelpreises, wo sich unsereins in den letzten Jahren eher etwas schwer tat, keimt Hoffnung: Die Amis sind total am Bröckeln (momentan zwar nicht auf Anhieb erkennbar, steht aber schon in der Zeitung), wer also in Zukunft nicht Deutsch spricht, dürfte sich in Stockholm beim Siegerbankett etwas langweilen.
Was unsere Jugend jetzt braucht, sind nobelpreistaugliche Themen. Wie wär's damit: das Verschwinden der menschlichen Intelligenz seit Erfindung der Digitalkamera?
Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch für Industrie und Geheimdienste von hoher Brisanz. Letztere könnten komplett abgeschafft werden. Wozu noch teure Spionagesatelliten, wenn Tante Heidi selbst bei Nebel in der Labradorsee die Welten fotografiert? Der Digicamindustrie dürften dreistellige Wachstumsraten bevorstehen. Schon jetzt besitzt der durchschnittliche deutsche Singlehaushalt gefühlte drei Digicams. Tendenz: raketenhaft steigend. Die Fotografiersucht hat epidemische Züge angenommen. Vereinzelt können deutsche Reisegruppen nur noch mittels Pass nachweisen, dass es sich nicht um Japaner handelt. Fotografiert wird alles plus X. Schneehasen, Brückenpfeiler, Parkuhren, Ahornsirup, Speisereste, Eiswürfel – um nur die nachvollziehbarsten Motive zu nennen. Das Motiv „aus fahrendem Bus gegen untergehende Sonne“ wird geknipst, ohne hinzugucken. Locker aus der Hüfte. Erst mal draufhalten, später könnte es einem Leid tun. Vergeht die erste Tageshälfte mit Fotografieren, wird in der zweiten nach löschbaren Bildern gesucht, damit neuer Speicherplatz gefunden werden kann. Der Sprachschatz reduziert sich dabei auf „Was war das denn?“ oder „Das war eh nix“ oder „Was hab ich denn da gemacht?“. Vor allem reifere Ehepaare haben die Neigung, im Abstand von drei Sekunden einander hinterherzuknipsen. Vermutlich, damit es im Scheidungsfall nicht zu hässlichen Szenen kommt („Wer kriegt die zwei Millionen Fotos?“).
Abschließend ein kleiner Dialog, der Gerhard Polt zugeschrieben wird. Frage: „Warum haben Sie kein Bild von Ihrem Sohn dabei?“ Antwort: „Ich kann ihn mir merken.“
janedoa2002
27.10.2004, 12:17
Business-Travel
Zunächst eine Erkenntnis von geopolitischer Tragweite: Unseren amerikanischen Freunden mag man in einzelnen Punkten durchaus kritisch gegenüberstehen – in einem aber sind sie uns meilenweit voraus: Ihre Hunde werden an der Leine geführt und scheißen keine Kinderspielplätze voll. Nun aber zu zwei zentralen Themen, welche für den deutschen New-York-Besucher von Interesse sein könnten: Prostitution und Lebensmittelvergiftung. Allen beiden wird in der – selbstverständlich „altehrwürdigen“ – „New York Times“ gebührend Platz eingeräumt. Fangen wir mit dem ältesten Gewerbe an.
Mae Lee, eine madam (die Internet-Version der guten, alten Puffmutter), gibt einem Journalisten Einblick in einen stressigen Montag. Nebenbei gesagt, stellen wir uns das für den Reporter gar nicht so ohne vor. Sind doch auch hierzulande Fälle bekannt, in denen Spitzenkräfte des investigativen Journalismus das Objekt der Recherche hinterher zum Standesamt führten.
Daran verschwendet Mae Lee keinen Gedanken. An besagtem Montag fallen drei ihrer „best girls“ einfach aus. Amber (an kanadischer Grenze eingelocht), Suzy (Infektion) und Rachel (einfach weg). Und das bei randvollem Terminkalender, bedeutet bis zu sechs Termine pro Tag à 300 Dollar (24-Stunden-Service 3200 Dollar). In „se City sät never slieps“ sind die Mädchen „glücklich, wenn sie zwischen zwei Terminen mal 30 Minuten Pause haben“.
Kreditkarte, Internet-Fotos, Rückbestätigung übers Firmentelefon – alles kein Problem. Keine Termine allerdings am Wochenende, denn da sollen „die Kunden bei ihren Familien sein“. Und wehe, ein Mädchen versucht, die madam auszutricksen – dann wird der langjährige Freund der Dame darüber informiert, dass seine Lebensabschnittspartnerin als Prostituierte arbeitet, und für die Familie gibt's aktuelle Fotos per CD-ROM.
Derart entspannt begibt sich der Kongressteilnehmer womöglich ungeschützt ans Büfett, wo die wirklichen Gefahren lauern: Cross-Kontaminierung von Nudelsalat und Shrimpscocktail durch hundertfaches Wühlen und Tatschen anderer Besucher. 76 Millionen Erkrankungen im Zusammenhang mit Lebensmitteln pro Jahr in den USA, 300 000 im Krankenhaus, 5000 Tote. Kennt Mr. Rumsfeld diese Zahlen? Besonders gefährdet (schluck!) sind Menschen, die auf Grund einer Refluxösophagitis Protonenpumpenhemmer nehmen (Mittelchen gegen Sodbrennen). Damit's nicht mehr brennt (nach dem Essen), wird die Magensäure außer Betrieb gesetzt. Und schon wieder lauert der Sensenmann: denn viele der kleinen Killer aus Salaten, Obst und Kellnerhänden werden durch die Magensäure zunichte gemacht. Kein Wunder, dass Dr. Zimring vom Zentrum für Wildnis- und Reisemedizin in Baltimore vorsorglich schon mal Antibiotika verschreibt. Was durchaus auch zu Nebenwirkungen führen kann, aber irgendwann muss die Prioritätenliste eben neu geordnet werden.
Ganz pauschal darf empfohlen werden: Häufig ist ein solide durchgekohltes Hähnchen vom Straßengrill weniger schädlich als der Salatteller im „Deli“. Enjoy your dinner and have a great day!
janedoa2002
27.10.2004, 12:20
Grippe, Lesben, DVD
Sollen sich alte Lesben noch gegen Grippe impfen lassen? Kann sein, dass mir da was lost in translation gegangen ist, aber falls mich mein englischer Grundwortschatz nicht komplett verlassen hat, war dies in den US-Medien der vergangenen Woche das beherrschende Thema.
Natürlich neben dem Abschied von Friedrich Merz aus der Weltpolitik. Also, darüber war jetzt „in den Staaten“ nichts zu sehen, hören oder lesen. Weil überhaupt nichts aus Europa, geschweige denn aus Deutschland gemeldet wurde. Abgesehen von zwei kleinen Artikelchen über Telekom und VW. Aber hätte man die Aktion des CDU-Finanzexperten mitgekriegt, wären an der Wall Street sicher zwei Ruhetage eingelegt worden.
Womit wir bei der Frage wären, warum uns deutsche Politiker dauernd mit „katastrophalen Reaktionen im Ausland“ drohen. Welches Ausland? Welche Reaktionen? Hin und wieder erkundigen sich mal freundliche Amerikaner, warum Adolf Hitler nicht die Berliner Mauer einreißt, ansonsten sind sie davon begeistert, dass man ihr Land besucht.
Viele Amerikaner persönlich sind nämlich zurzeit weg. In Mexiko, wo sie sich gegen Grippe impfen lassen. In der Heimat selbst ist der Impfstoff ein bissel knapp. Nicht mal Präsident oder Herausforderer konnten auf die Schnelle Abhilfe schaffen. Die Schlussphase des Wahlkampfs reißt die Bevölkerung derart mit, dass fast die Hälfte zur Wahl gehen möchte. Der Präsident weist viertelstündlich darauf hin, dass sein Herausforderer a) liberal und b) aus Massachusetts sowie c) ein Freund von Ted Kennedy ist. Eine in Deutschland unvorstellbare Horrorkombination, vor allem, weil wir keinen Kennedy haben. Außerdem hat Teds Kumpel nach Berechnungen des Amtsinhabers ungefähr 785-mal gegen wahnsinnig wichtige Gesetze gestimmt.
Senator Kerry hat mit seiner Erwähnung der lesbischen Tochter von Vizepräsident Cheney für Riesenwirbel gesorgt. Vor allem bei denen, die sowieso was gegen Schwule haben. Die Gay and Lesbian Community (vom Autor leicht angeberisch benutzter Fachausdruck) dagegen war durchweg angetan. Motto: Er hat sie ja nicht geoutet.
Und damit sind wir beim Thema „Fernsehen“. In Albuquerque/New Mexico, Reno/Nevada und Green Bay/ Wisconsin sind die Wähler noch unentschieden. Deshalb werden dort jetzt rund um die Uhr Wahlspots gesendet, kurz unterbrochen vom „Programm“. Auf Deutschland übertragen hieße das: Franz Müntefering macht mit dem Megaphon Hausbesuche in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Kein Grund, vom Glauben abzufallen. Soeben ist die DVD „George W. Bush: Faith in the White House“ erschienen. Laut Presse ein billig gemachtes, unstrukturiertes Werk voller Wiederholungen. Gratis erhältlich in einigen Kirchen. Die frohe Botschaft: Der Gesandte Gottes auf Erden heißt George W. Bush. Und was sagt der Stellvertreter?
janedoa2002
11.12.2004, 14:56
Mel Gibson
Weihnachten naht, und der Einzelhandel frohlockt: Es wird wieder gekauft! Freunde des gepflegten Heimkinos könnten sich oder den Lieben eine Freude machen, wenn sie die DVD von Mel Gibsons Kassenschlager The Passion of The Christ erwerben. Passt in die Jahreszeit (kein Ostern ohne Weihnachten) und könnte zusätzlich einen Mann belohnen, der mit ein bisschen Eigeninitiative und Mut zum Risiko eine recht hübsche Rendite erwirtschaftet hat. Im Klartext: Aus 30 Mio. US-Dollar wurden 400. Satte 1300 Prozent, das gibt's sonst nur im Kleingedruckten ihrer Tageszeitung, Abteilung Investor gesucht.
In den ersten fünf Tagen nach Erscheinen wurde die DVD 4,1 Millionen Mal verkauft. Dafür müssen hierzulande viele Zwerge allein in den Wald. Dabei kommt der Film ganz ohne Tunten, Nazis und anderweitig animierte Figuren aus. Gezeigt werden die letzten zwölf Stunden unseres Herrn Jesus Christus, wobei Mel Gibson selbst die Hände hingehalten hat, als genagelt wurde. „Ich habe ihn ans Kreuz gebracht. Es waren meine Sünden“, wird der sympathische Australier in der Sunday Times zitiert, aus der ich die Zahlen für diese Kolumne abgeschrieben habe.
Nicht nur finanzielle Wunder – 100 Mio. Dollar in den ersten fünf US-Kinotagen, erfolgreichstes Religioso-Movie aller Zeiten, erfolgreichster Frei-ab-18-Film in der US-Geschichte etc. pp. – nein, nahezu biblische Mirakel haben sich rund um den Film ereignet. So wurde der Hauptdarsteller während der Dreharbeiten auf Golgatha vom Blitz getroffen, erhob sich jedoch und schritt unversehrt von dannen. „Heilandzack“, sagt man da in Schwaben!
Deutsche Filmemacher – die auf eines der erfolgreichsten Jahre ihrer Geschichte zurückblicken – lernen daraus, wie Blockbuster gestrickt werden: 30 Mio. vom Sparbuch und tiefe Verbundenheit mit der katholischen Kirche. Schließlich will Bruder Mel 100 Mio. Dollar nach Rom spenden, da war es nicht ganz vergebens, dass päpstliche Kinofreaks das Werk im weitesten Sinn als „besonders wertvoll“ eingestuft haben.
Wäre so ein Film auch in Deutschland denkbar? Vermutlich nicht, obwohl wir über eine Reihe von Darstellern verfügen, die den Blitz auf sich ziehen könnten. Der zweite Teil der Geschichte müsste dann individuell entschieden werden.
Allerdings wäre wahrscheinlich kaum ein Produzent hierzulande bereit, 30 Mio. aus dem eigenen Vermögen zu investieren. Auch sind in der Passionsgeschichte für deutsche Publikumslieblinge – George, Hoenig, Adorf, Ferres – nicht auf Anhieb tragende Rollen zu finden. Private TV-Sender kämen als Co-Produzent wohl eher nicht in Frage: kaum Szenen unter Tage, wenig Drachen und kein Helmut Schmidt. Bleiben also die Öffentlich-Rechtlichen.
Das ZDF scheidet – es tut weh, diese Worte zu schreiben – aus künstlerischen Gründen aus. Product-Placement auf dem Kreuzweg – das kriegt man nicht durch die Gremien. Eine klassische Aufgabe also für die ARD, wo Qualität noch eine Heimat hat. Schließlich hat das Erste auch R.W. Fassbinder ermöglicht, und in dessen Filmen wurde eher selten Aramäisch oder Latein gesprochen. Jetzt sind die Landespolitiker gefordert, wenn man bedenkt, für welchen Mist sonst Gebühren verschwendet werden.
----Kommentar von mir: Gerade der letzte Satz, Harald Schmidt wie wir bzw. ich ihn liebe, voller Selbstironie!!