Vollständige Version anzeigen: Die Passion Christi - Kino/TV und Musik - Axl`s Forum



Vroni
19.03.2004, 16:42
Nachdem ich mir gestern den Film angesehen habe, kann ich nur sagen: Er stellt keineswegs dar, „wie es war“. Hätte Gibson sich auch nur ein wenig mit heutigen Ergebnissen wissenschaftlicher Exegese beschäftigt, könnte er wissen, dass das Römerkreuz nicht wie unser traditionelles Kreuz aussah, sondern eine T-Form hatte. Aber lassen wir solche Nebensächlichkeiten. Manche Szenen des Films stehen überhaupt nicht im Neuen Testament, sondern sind schlicht erfunden. Manche davon gehen auf Visionen von zwei christlichen Mystikerinnen zurück. Deren Visionen sind ein ernstzunehmendes Zeugnis der Frömmigkeit ihrer Zeit. Für die historische Rekonstruktion allerdings sind sie ungeeignet. Der Jesus im Film spricht nicht nur Sätze, die in den vier Evangelien stehen; manchmal formuliert er, als seien seine Worte einer (konservativen) Dogmatik entnommen. Der Pilatus der Geschichte wird bei Flavius Josephus längst nicht so positiv gezeichnet, wie der Film es tut. Er war in Wirklichkeit grausam und musste sich deswegen schließlich sogar in Rom verantworten.

Es gibt im Film manche anrührenden Szenen, nicht zuletzt in den Rückblenden. Doch die beiden blutigen Szenen der Geißelung und Kreuzigung gehen nach meinem Gefühl weit über ein zumutbares Maß hinaus. Ich persönlich konnte sie nur ertragen, indem ich mir immer wieder zwischendurch gesagt habe: Da hat der Maskenbildner hervorragende Arbeit geleistet! „Der frühen Kirche verbot es ihr Taktgefühl, das grausame Geschehen näher zu beschreiben“ (Hubertus Halbfas).

Mel Gibson hat die im Film gezeigten Grausamkeiten dadurch gerechtfertigt, dass er das Ausmaß der Leiden Christi darstellen wollte, das nötig war, um unsere Sünden zu tilgen. So solle die Tiefe der göttlichen Liebe zur Menschheit deutlich werden. Und darum kann es nicht grausam genug hergehen. Diese Sicht kommt mir bekannt vor. Sie entspricht der Passionsfrömmigkeit, wie ich sie in meiner Kindheit kennen gelernt habe, wie sie wohl auch in manchen Epochen der Kirchengeschichte üblich war. Heute empfinde ich eine solche Sicht als bedrückend und höchst einseitig. Für mich steht heute eher die Solidarität Jesu mit den Leidenden als eine wichtige Sinndeutung der Passion im Vordergrund, aber auch die Solidarität mit der todgeweihten Menschheit, der in der Auferstehung eine Perspektive vermittelt wird.

Ist der Film antisemitisch? Die römischen Soldaten sind weitaus unsympathischer gezeichnet als etwa die Hohenpriester; die Soldaten sind geradezu eine Horror-Truppe. Hier haben wohl Bilder des Mittelalters Pate gestanden. Dagegen gibt es unter den jüdischen Menschen im Film viele positive Figuren. Ich halte den Film nicht für antisemitisch. Aber er kann antisemitisch wirken. Überflüssigerweise birst beim Tod Jesu statt des zerreißenden Tempelvorhangs gleich der ganze Tempel entzwei!

Ich würde nicht so weit gehen wie ein Kritiker, der diesen Film als unchristlich bezeichnet hat, weil er nur Hass und Emotionen schüre. Ich bin mir nicht sicher, wie er auf Menschen wirkt, die nicht im christlichen Glauben verwurzelt sind. Allerdings habe ich Zweifel, ob er bei Andersgläubigen Sympathie für den christlichen Glauben wecken kann. Eher dürfte er abstoßend wirken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Film „Christum treibet“, wie Martin Luther es einmal ausgedrückt hat.

Dennoch könnte der Film als Katalysator wirken, dass wir Christen uns unserer Schuldgeschichte gegenüber dem Judentum noch eindringlicher und ehrlicher stellen. Dazu gehört sicher, sich mit manchen problematischen Äußerungen der Evangelien, vor allem des Matthäus und Johannes, offener und ehrlicher auseinanderzusetzen. Der „Blutruf“ in Mt 27,25: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (er ist in den Untertiteln des Films Gott sei dank weggelassen) hat eine blutige Spur in der Christentumsgeschichte hinterlassen und wesentlich zum Antisemitismus beigetragen. Das ist sicher nicht die Intention des Evangelisten gewesen. Aber die Wirkungsgeschichte dieses Textes war schlimm. Das gleiche gilt für die Johannespassion, in der sehr pauschal von „den Juden“ die Rede ist. Auch dieser Text kann antisemitisch wirken, wenn er auch nicht so gemeint ist. Für den Evangelisten ist klar, dass die Schuld am Tod Jesu nicht bei „den Juden“ liegt, sondern dass es einige der führenden Leute im damaligen Jerusalem gewesen sind, die den Tod Jesu betrieben haben. Und für Matthäus ist klar, dass die Selbstverfluchung des Blutrufs sich mit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer „erledigt“ hat.

Was Gibson kaum beachtet: Alle vier Evangelisten wollen keinen Dokumentarbericht bieten. Jeder von ihnen spricht eine andere Glaubensgruppe an. Es geht ihnen in ihren Passionserzählungen zentral um eine Deutung des Todes Jesu. Sie fragen nach dem Sinn des Geschehens und versuchen darauf höchst unterschiedlich akzentuierte Antworten zu geben. Diese Dimension geht in dem Film so gut wie unter. Und wenn Gibsons Deutung die einzige bliebe, wäre es schrecklich.

Die vier Evangelien des Neuen Testaments erzählen die Passion Jesu im gesamten Rahmen des Lebens Jesu. Auf diese Weise erscheint die Kreuzigung als Konsequenz seines unkonventionellen Sprechens über Gott, der darin implizierten Kritik an den damals Mächtigen, seines radikalen Einsatzes für die Benachteiligten. In Gibsons Jesus-Film ist die Passion ein ziemlich isoliertes Ereignis. Das vermögen auch die Rückblenden nicht aufzufangen.

Der Film selber wird meines Ermessens kaum Menschen vom christlichen Glauben überzeugen können. Was er bewirken kann, ist ein neues Interesse an den Themen „Passion Jesu“ und „christliche Judenfeindschaft“. Seelsorge, Religionsunterricht und Erwachsenenbildung sollten sich diesen Themen stellen.
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