Vollständige Version anzeigen: Theater am Rand - TV-Auftritte, Bühne, ... - Thomas Rühmann Fanforum



Umax
21.09.2003, 22:43
Quelle: http://www.pnn.de/archiv/2002/03/23/ak-so-re-4411861.html

Oderbruch

Auf der Bühne hinter dem Deich

Fünfzig Plätze hat das "Theater am Rand". Und die sind oft ausgebucht. Wer im Oderbruch Kultur will, fährt in die Mini-Gemeinde Zollbrücke

Claus-Dieter Steyer

Der letzte Gast hat den besten Platz erwischt. Direkt hinter der schweren Holztür kann er auf dem Klappstuhl seine Beine fast ausstrecken und muss weder dem Nachbarn, noch dem Vorder- und Hintermann bedrohlich auf die Pelle rücken. Da stört die beinahe im Nacken sitzende Türklinke fast gar nicht. Buchstäblich jeder Zentimeter wird in diesem ungewöhnlichen Saal gebraucht. Fünfzig Zuschauer passen offiziell hinein. Doch an diesem Sonntagvormittag sind - wie so oft - erheblich mehr Gäste gekommen. Das ungewöhnliche "Theater am Rand" im Oderbruch - im Winter heizt ein Kachelofen ein - feiert erstaunliche Erfolge.

Dorf mit drei Familien

Der Name ist durchaus wörtlich zu nehmen. Kaum mehr als einen Steinwurf entfernt endet Deutschland an der polnischen Grenze. Die Straße vor dem Theater führt zum Deich, hinter dem sich die Oder - zur Zeit wieder einmal mit erhöhtem Wasserstand - in Richtung Ostsee wälzt. Unauffällig ist das vor rund hundert Jahren erbaute Fachwerkhaus, das seit Mitte der neunziger Jahre einzelnen Künstlern und Ensembles als Spielstätte dient. Eine Attraktion in Zollbrücke, einem Mini-Dorf, in dem lediglich drei Familien leben.

Eben diese Abgeschiedenheit begeisterte vor fünfzehn Jahren den Berliner Musiker Tobias Morgenstern. "Hier beschwerte sich niemand über die Lautstärke der Proben, und die Landschaft lieferte genügend Inspiration", erinnert sich der 41-Jährige. Viel scheint sich in dem über eine kleine Holztreppe zu erreichenden Bauernhaus bis heute nicht verändert zu haben.

Morgensterns Partner ist der Schauspieler Thomas Rühmann, Fernsehzuschauern vielleicht aus Serien wie "Für alle Fälle Stefanie" oder "In aller Freundschaft" bekannt. Mitte der neunziger Jahre lernten sich die beiden bei einer Produktion am Berliner Maxim-Gorki-Theater kennen. Dort kamen sie auf die Idee, das 600-Seiten-Buch "Das grüne Akkordeon" von E. Annie Proulx für eine Bühnenfassung zu bearbeiten. Ein ehrgeiziges Unterfangen.

Sie probten und fieberten schon der Premiere entgegen, als ihr Vorhaben einen Dämpfer erhielt. Die Aufführungsrechte waren trotz aller Bemühungen in der Kürze der Zeit nicht zu erhalten. So entschieden sich Morgenstern und Rühmann zu einer Vorstellung in kleinem Kreis in eben jenem Bauernhaus. Noch am Abend des erfolgreichen Versuches wurde das "Theater am Rand" aus der Taufe gehoben.

Bezahlung nach Gutdünken

Anfangs hatten die Akteure ihren Gästen versprochen, keine Vorstellung ausfallen zu lassen. "Wir spielen auch vor zwei Leuten", sagte der 46-jährige Rühmann damals. Und mit mehr als zwei Dutzend Gästen hatte er wohl gar nicht gerechnet. Doch inzwischen hat sich der Ruf bis nach Berlin herumgesprochen: In Zollbrücke ist beste Unterhaltung garantiert. Fast alle Vorstellungen sind ausverkauft. Der Gast zahlt übrigens erst nach der Aufführung - nach eigenem Gutdünken. Damit fahre man ganz gut, "jeder weiß ja, was eine Theaterkarte üblicherweise kostet", sagt Morgenstern.

Gewohnten Komfort kann man hier allerdings nicht erwarten. Es gibt keine Garderobe und als Toilette dient lediglich eine Latrine in einer Bretterbude im Hof. Aber, was soll's? Dafür darf man sich am freundlich-lockeren Service erfreuen. In den Pausen werden Brote mit frisch zubereitetem Käse aus der Nachbarschaft gereicht - zu sehr zivilen Preisen, versteht sich.

Gerade nach den beliebten Matineen am Sonntag treffen sich viele Gäste entweder beim Spaziergang entlang der Oder, in dem für seine Fisch- und Wildgerichte gerühmten Restaurant Zollbrücke oder in einem anderen Ausflugsziel im Oderbruch wieder. Da gibt es schließlich eine Menge zu entdecken.

Fast schon kein Geheimtipp mehr ist beispielsweise die Galerie "Koch und Kunst" im weiter stromabwärts gelegenen Groß Neuendorf. Im ehemaligen Dorfkonsum locken Kerstin Rund und Stefan Hessheimer mit feiner Küche und wechselnden Ausstellungen viele Gäste an. Beide Berliner hatten sich vor Jahren in die offene Landschaft des Oderbruchs verliebt.

Bei kulinarischen Führungen durch ihren Garten oder am Ufer der Oder mit anschließenden Kostproben weiht das Künstlerpaar die Neugierigen in die Geheimnisse der wilden Kräuter ein. Vor allem Vegetarier dürfen hier schwelgen: In diesem Jahr werden erstmals wechselnde viergängige Menüs aus verschiedenen Gemüsen, Kräutern, Wildpflanzen und essbaren Blüten angeboten.

Zu ganz anderen Entdeckungen lädt Altreetz ein. Nur ein kleines Schild weist auf den "Schulzoo" hin. Wer bei dem Namen vielleicht einige Streicheltiere vermutet, wird überrascht sein. Rund 300 Tiere - vom Borstenvieh über eine seltsame Kreuzung zwischen einem Esel und einem Zebra bis hin zum Dromedar - fühlen sich hier wohl.

"Eigentlich wollte ich vor 15 Jahren nur den Biologieunterricht anschaulicher gestalten", sagt der frühere Lehrer und heutige Zoodirektor Peter Wilberg. "Aber inzwischen ist ein richtiger Tierpark daraus geworden." Daneben entstanden ein Feriendorf für Behinderte sowie eine kleine Klinik. Und eine Gaststätte gehört selbstverständlich auch dazu.

Eine Tafel und zahlreiche Fotos erinnern heute an die dramatische Rettungsaktion vor dem Hochwasser 1997. Erstmalig musste damals ein kompletter Zoo evakuiert, die Tiere in Sicherheit gebracht werden. Fast alles ging gut: Bis auf ein Känguru überstanden sämtliche Tiere den Umzugsstress. Viel zu erzählen hat auch der Windmüller von Wilhelmsaue in der Nähe von Letschin. Einst drehten sich im Oderbruch rund hundert Bockwindmühlen. Nur das Exemplar in Wilhelmsaue hat alle Wirren und Winde der Zeit unbeschadet überstanden. Wer's nicht glaubt, sollte auf einer Vorführung der alten Technik durch den Müller bestehen. Erfahrungsgemäß ist dazu nicht viel Überredungskunst erforderlich.

Morgens hin, abends zurück, so halten es wohl die meisten Oderbruch-Besucher. Dabei gibt's viel mehr zu entdecken, als man an einem Tag schaffen kann. Kleine Pensionen und einige Hotels bieten sich für einen längeren Aufenthalt an, wenn es auch mit Komfort und Service vielerorts noch ein wenig hapert. Manche Besucher verlassen sich lieber gleich auf den mitgebrachten Proviant und verzehren ihn - was kann zünftiger sein? - in freier Natur.

Wer sportlich ist, kommt hier ohnehin auf seine Kosten. Wanderer, Radfahrer und Inline-Skater finden hier ideale Strecken. Neuerdings sind auch Kanu-Fahrer unterwegs - sowohl auf den alten Armen der Oder als auch auf dem großen Strom selbst. Selbst für sie ist das ungewöhnliche "Theater am Rand" gut erreichbar.
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