Vollständige Version anzeigen: Zoran Drvenkar - Teltow-Kanal - Forumame



Julius murke
13.05.2003, 14:59
Reportage: Zoran Drvenkar oder wie man ans Lesen kommt



Wer liest, der sieht hinter den Buchstaben Bilder. Die Menschen und Figuren über die man liest, bekommen ein Gesicht, ein freundliches, ein griesgrämiges oder ein bösartiges. Sie bewegen sich in einem sympathischen Umfeld oder in einem abstoßenden. Lesen bedeutet in eine imaginäre Welt zu tauchen, die Freude des Reisen und Erlebens auf dem Blatt.

Für mich ist lesen eigentlich eine anstrengende Tätigkeit, eine lästige Pflicht. Das Buch, das so toll und spannend ist, liegt feindselig vor mir und wartet darauf, endlich gelesen zu werden. Auf die Frage: „Hat es dir gefallen?“, antwortet man brav mit: “Eigentlich schon, es war nur an einigen Stellen zu lang.“ Ein Buch nicht gut zu finden, ist eine Majestätsbeleidigung! Das Buch ist heilig, wie kann man es nicht mögen?

Doch vor zwei Wochen änderte sich meine Haltung. Mein Bruder zog beim Umräumen unseres Zimmers ein Buch aus dem Regal und meinte: „Das Buch ist super, musst’ du unbedingt lesen!“ Ich schlug es auf, setzte mich gleich an ungeeigneter Stelle hin, und begann zu lesen!

Zoran Drvenkar: „Cengiz und Locke“, eine Geschichte aus der Welt jugendlicher Straßenbanden in Berlin. Man kann sich den Geschehnissen kaum entziehen. Sie konfrontiert uns mit den Ereignissen einer Woche - Tatort: Charlottenburger Kiez -, als stünden wir unmittelbar neben der
Scheiße.



Der Roman beleuchtet die unterschiedlichen Lebensverhältnisse, in denen junge Menschen wie Cengiz und Locke zu dem werden, was sie sind: verlorene Gestalten. Er porträtiert sie außergewöhnlich und vielschichtig: Gedanken, Träume, Sprache, Taten, Familienverhältnisse - ihre Jämmerlichkeit und ihre Sehnsucht nach Anerkennung.

Aber wer ist nun dieser Zoran Drvenkar der diese Geschichten schreibt? Er hat mich „Nichtleser“ neugierig gemacht.

Die Berliner Leseratten vermitteln mir einen Kontakt und ich gehe gleich zwei Tage später zu einer Lesung in einer Wilmersdorfer Schule. Dort steht er nun. Anders als ich ihn mir vorgestellt habe. Groß ist er und trägt seine Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er wirkt auf mich wie ein Jesus-Typ. Superlange Haare, aber irre gepflegt.



Dort liest er nun aus seinem Buch: Der einzige Vogel, der die Kälte nicht fürchtet für die dritten und vierten Klassen. Er bittet darum im Stehen zu lesen. Das macht er immer so, sagt er. Die Kinder hören gebannt zu und stellen im Anschluss ausgesprochen witzige Fragen. Zoran Drvenkar beantwortet sie so, als nähme er die Kinder ernst. Das gefällt mir.



Zuhause greife ich gleich zum Telefon und rufe ihn an. Er ist der Typ Autor, der gern über das eigene Schreiben spricht, kein Mysterium daraus macht.

Er hebt ab und seine Stimme klingt sehr angenehm.

Zoran Drvenkar, Jahrgang 1967 in Jugoslavien geboren zog als dreijähriger mit seinen Eltern nach Berlin-Charlottenburg und wohnte dort mit seiner Familie in einer Wohnung direkt neben der Autobahn. Bis heute hat er 25 Bücher geschrieben, hauptsächlich Romane und Erzählungen, aber auch Lyrik und ein Theaterstück. Seine Geschichten wirken authentisch und werden viel von Jugendlichen gelesen. Gerade ist er umgezogen, von Potsdam zurück nach Berlin- Schöneberg in eine sechs Zimmerwohnung im vierten Stock mit hohen Decken und der richtigen Musik. Noch lebt er mit Umzugskartons, die wie er sagt, allmählich weniger werden. Aber es sei wirklich angenehm. Der Grund für den Umzug sei seiner Freundin zuliebe und es gäbe da auch einen sehr guten Freund.

Mit fünfzehn begann er zu schreiben, weil seine Gedanken irgendwo hin mussten und er mit keinem darüber reden wollte. Er hat auch viel gelesen, sehr viel für einen Jugendlichen in dem Alter. Seine Herkunft sagt er, hat nichts mit seinem Schreiben zu tun. Mit seiner Geburtsheimat habe er eher Probleme. Berlin sei ein großer Einfluss gewesen, Bücher ein noch größerer, dazu Musik und Filme. 1988 hat er sein Abitur geschmissen und kurz darauf folgte sein erstes Stipendium, das er für eine Erzählung bekam. Leben konnte er davon kaum, obwohl jährlich Unterstützungen unterschiedlicher Institutionen folgten. Der Erfolg blieb aus bis der Rowohlt- Verlag ein Manuskript in die Hände bekam und dann ging es los.

Auf meine Frage, wie es denn bei ihm aussehe und ob er ein ordentlicher Mensch sei, sagt er „Ja, schrecklich ordentlich.“ Er vermittelt den Eindruck eines Ästheten. Drvenkar sagt mir, er wollte mal Koch werden. Seine Mutter kochte sehr gut, aber es sah nicht besonders lecker aus. So legte er ein Kochbuch mit schönen Bildern vor sich, dies fand er appetitlicher. Doch den Beruf des Kochs schlug er nicht ein. Schriftsteller stand jedoch auch nicht auf seinem Plan. Das erste Mal wurde er bei einem Schriftstellerstipendium so genannt und das sei, so Zoran „klasse gewesen“.

In seinem Debüt „Niemand so stark wie wir“ beschreibt er im Berlin der 70er Jahre das langsame Erwachsenwerden des 12 jährigen Zoran in einer multinationalen Clique, zwischen Fußballplatz und zaghafter erster Liebe. Doch eigentlich war dies erst sein zweiter Roman und ihm gingen schon zehn geschriebene voraus, die in seinem Computer lagen. Der eigentlich erste, der Paul Maar so gefiel, war „Im Regen stehen“. Doch beide Bücher hängen eng zusammen. Bücher über seine Kindheit und Jugend. Die einzigen autobiographischen. Aber der Zoran in den Geschichten ist ein anderer. Es ist der Zoran, an den er sich als gegenwärtiger Zoran erinnert. Dort liegen seine Wurzeln, aber es ist nicht so, dass er sich als Hauptcharakter sieht.

Er erzählt mir zu meiner Verwunderung, dass er eigentlich nicht für Jugendliche schreiben wollte. Der Verlag hat es in der Sparte „Jugendbuch“ veröffentlicht und das war für ihn „okay so“. Doch vor einigen Jahren hat er gemerkt, jugendliche Charaktere reizen ihn mehr. Er schrieb einen Roman, einen flotten Thriller. Da kamen zwei Jugendliche vor. Er dachte sich: “Hey, die machen Spaß. Und die habe ich herausgepickt und habe gemerkt, mir macht es sehr viel Spaß, sie als Hauptcharaktere zu haben. Sie sind durchgedrehter, risikoreicher, witziger, sie haben einfach mehr, als mir eine Handvoll Erwachsener in dem Moment bieten können. Ich entdecke gerne das Böse an Personen und das war einfach sofort da. Immer wieder tauchen solche Figuren in meinem Kopf auf und da nehme ich sie auch in die Texte rein.“ .

Geduldig gibt er mir auch auf meine Frage, was er denn den ganzen Tag so macht eine erstaunliche Antwort. Für ihn sei Schreiben ein Lebensgefühl, eine Leidenschaft. Er setzt sich hin und produziert bis zu zwanzig Seiten am Tag. Es sei ein Fluss. Wenn er festhängt, macht er etwas anderes. Er sei oft den ganzen Tag zu Hause und lebe ein sehr langweiliges Leben. Er liest, trinkt Tee, hört Musik, sieht Filme und geht an den Computer. „Wenn du das den ganzen Tag machst, musst du schreiben oder malen oder sonst was. Du hast gar nichts anderes zu tun. Du stirbst ja vor Langeweile. Und dann gehe ich ran, dann kommen Ideen und dann baue ich hier und da ein bisschen weiter“.
Aber woher kommt dann der authentische Schreibstil, die Nähe zu dem Beschriebenen?
„Ich habe eine Menge erlebt. Ich nehme meine Welten auch aus Büchern und Filmen. Diese Erfahrungen verarbeite ich, ich bin ja in diesen Welten richtig drin, die müssen nicht die Realität sein. Das ist vollkommen egal.“.…

Ich kann mir jetzt gut vorstellen warum Zoran Drvenkar so schreibt, wie er schreibt und warum ich als leidenschaftlicher „Nichtleser“ dieses Buch als „mein Buch“ bezeichne. Ich habe jetzt schon mit einem weiteren Werk von ihm angefangen und bin nun auch gespannt auf andere „Dinge“, die die Bücherwelt für mich bereithält. –

Bisher erschienene Bücher:

Cengiz und Locke

Die Straße gehört dir
Cengiz und Locke leben in Berlin. Beide sind vierzehn Jahre alt und gehören zur selben Clique aus deutschen und türkischen Jugendlichen. Cengiz, der Mongole, kommt aus einem traditionellen Elternhaus, in dem sein despotischer Vater das Sagen hat. Locke, eigentlich Matthias lebt bei seiner depressiven Mutter, die Abend für Abend darauf wartet, dass Lockes Vater sich wieder bei ihr meldet.
Bei einem missglückten Einbruch kommen die beiden sich näher. An nur einem Wochenende eskaliert die immer schon angespannte Situation mit der verfeindeten Clique - den verhassten Yugos. Alles beginnt mit einer Schießerei, Cengiz und Locke sind mittendrin - in Berlin und in einer Spirale der Gewalt, der sie sich nicht entziehen können...

Touch the flame

Sieben Jahre hat Lukas seinen Vater nicht gesehen, und dann kommt er auf die recht dumme Idee, ihn für ein Wochenende zu treffen. Der Vater kommt über zwei Stunden zu spät und reißt seinen Sohn auf einer wilden Jagd mit sich. Es geht von Berlin nach Hamburg, wo Lukas eine Abreibung nach der anderen bekommt, sich innerhalb von Sekunden verliebt, mit 100 Sachen durch die Straßen jagt und dabei seinem Vater keinen Zentimeter näher kommt. Aus dem Wiedersehen wird ein Roadmovie und die Jagd nach einer Beute, von der keiner weiß, was sie eigentlich ist. Und das alles erlebt Lukas in einem rasenden Tempo. Die Geschichte ist lebendig und echt. Ein atemberaubendes Buch über das Erwachsenenwerden

Du schon wieder

Zwei gegen den Rest der Welt
Rocki und Fredo passen nirgendwo hinein. Der eine ist zu groß, der andere zu klein. Nicht einmal ihre Eltern können mit ihnen etwas anfangen und schicken sie deswegen in die Welt hinaus. Wären die beiden Freunde, wäre das alles nicht so schlimm. Aber Fredo mag Rocki nicht besonders, weil der nie runterschaut. Und Rocki mag Fredo nicht, weil der nie raufschaut. Und so trennen sich ihre Wege am Stadtrand. Rocki spaziert dem Sonnenuntergang entgegen und Fredo läuft in die andere Richtung. Das könnte das Ende dieser Geschichte sein. Ist es aber nicht ! Denn sie begegnen sich wieder ...

Im Regen stehen

Zoran, der im Viertel rund um die Philippstraße seine ersten Berliner Jahre erlebt hat, erzählt hier von seinen Wurzeln in der jugoslawischen Heimat, den Streitereien der Eltern, den Mädchen und seiner sich langsam verändernden Freundesclique. Schnell hintereinander gesetzte, genau beobachtete Szenen verbinden sich zu einem lebendigen Bild einer Kindheit im Berlin der 70er. Wie alle Bücher Drvenkars besticht auch "Im Regen stehen" durch die ihm eigene Sprache, präzise und authentisch

Der einzige Vogel der die Kälte nicht fürchtet

Eines Tages wacht Ricki in seinem Bett auf und hat genug. Draußen herrscht schon seit einer halben Ewigkeit eisige Kälte, der Winter will und will einfach nicht aufhören. Es schneit von morgens bis abends und die Temperaturen bleiben unermüdlich in den Minusgraden. Da beschließt Ricki, ein ernstes Wort mit dem Winter zu reden. Doch als er in Zarminski ankommt, der kältesten Stadt der Welt, und im Hotel der vier Jahreszeiten nach dem Winter fragt, ist keine Spur von ihm zu sehen. Da ist nur ein Vogel, der behauptet, dass er die Kälte nicht fürchtet, und verdächtig nach einem Pinguin aussieht ... Eine herrlich verschneite Wintergeschichte mit vielen bunten Bildern.

Sag mir, was du siehst

Das will ich nicht gesehen haben
Jeden Weihnachtsabend besucht Alissa heimlich mit ihrer Freundin Evelin das Grab ihres verstorbenen Vaters. Auch als es an diesem Abend stürmt und schneit, lassen sich die beiden nicht von dem Besuch abhalten. Sie irren über den Friedhof und versuchen die Grabplatte des Vaters zu finden. Plötzlich stürzt Alissa in das Gewölbe einer Gruft. Sie entdeckt einen Kindersarg, aus dessen Deckel eine Pflanze wächst. In dem Sarg befindet sich die Leiche eines Jungen, aus seiner Brust rankt sich der Stiel der Pflanze. Ehe sie weiß, was sie tut, reißt Alissa die Pflanze aus dem Sargdeckel und steckt sie ein. Von diesem Augenblick an ist nichts mehr so, wie es war.

Der Bruder

Toni ist dreizehn, ein talentierter DJ und verliebt in Manuela und Mirella. nur mit zwei Dingen hat er so seine Probleme: mit seinem Gewicht und mit seinem älteren Bruder. Ein Bekloppter, der krumme Dinger dreht, haben seine Eltern gesagt, bevor sie ihn rauswarfen und er wie vom Erdboden verschwand. Aber immer noch mein Bruder, sagt Toni, als der Bruder plötzlich vor der Schule steht und Tonis Hilfe braucht. Und Toni läßt sich immer tiefer in die kriminellen Geschäfte seines Bruders hineinziehen. bis er für sich eine schwerwiegende Entscheidung trifft.

Niemand so stark, wie wir

Berlin, rund um die Philipistraße: Das ist das Viertel von Zoran und seiner Clique. Adrian, sein bester Freund; Sprudel, der Junge, der beschlossen hat, kein Sterbenswörtchen mehr zu reden; Terri, Zorans Freundin aus der Straße über dem Fluss, wo die schmucken Häuser stehen; und all die anderen. Es ist aber auch das Viertel der Türkenclique, die ihnen den beliebten Bolzplatz streitig machen will. In jenen Tagen und Wochen pulsiert ihr Leben voller Liebe und Streit, Freundschaft und Auseinandersetzungen, Träumen und Ängsten. Das großartige Debüt eines jungen Berliner Schriftstellers.

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