Vollständige Version anzeigen: 07.02.03 - Presse-Forum - Frankfurt Lions



LionsChris
07.02.2003, 16:29
Frankfurter Rundschau

"Als Manager kann ich mehr gestalten"

Lance Nethery wechselt auf Wunsch von Lions-Besitzer Gerd Schröder den Stuhl / Mehr deutsche Spieler einbinden

FR: Lance Nethery, wenn nichts mehr Außergewöhnliches passiert, gehen Sie in die Lions-Geschichte als erster Trainer seit 1995 ein, der eine komplette Saison überstanden hat, ohne entlassen zu werden. Trotzdem wechseln Sie zur kommenden Saison auf den Manager-Posten der Lions. Haben Ihnen die Lions den Spaß am Coachen genommen ?

Lance Nethery: Das nicht, aber ich gebe zu, viel Spaß hatte ich diese Saison nicht. Aber man kann es sich nicht immer aussuchen. Es war und ist eine extrem schwierige Saison und alles was schief laufen konnte ist schief gelaufen.

Hatten Sie manchmal Selbstzweifel ?

Natürlich habe ich überlegt, was ich anders oder besser machen kann. Als wir ständig Verletzungen hatten, habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob da vielleicht im Training etwas falsch läuft. Aber dass gleich fünf Spieler den Puck ins Gesicht, auf die Hand oder das Knie bekommen und dass wir gleich drei Komplettausfälle auf wichtigen Positionen haben, ist einfach nur Pech. Das würden auch andere Teams schwer verkraften.

Aber Sie haben kürzlich einmal gesagt: Eine so schwierige und sensible Mannschaft wie diese habe ich noch nie erlebt. Also ist nicht nur Pech im Spiel.

Stimmt. Dass die Mannschaft von Beginn an mit so wenig Selbstbewusstsein agiert hat, ist schon ungewöhnlich. Obwohl es am Anfang zunächst ganz passabel lief, hat sich das Team selbst total unter Druck gesetzt, weil es zu wenig Tore schoss. Als dann noch früh unser Kapitän Stéphane Richer als Führungsperson ausfiel, kam die Mannschaft nicht mehr richtig auf die Beine.

Kann man als Manager mehr bewegen, denn als Trainer, oder stimmt es, dass Sie hauptsächlich deswegen jetzt Manager sind, weil es auf dem Markt keine vernünftigen Alternativen gab ?

Beides. Es haben sich zwar zahlreiche Leute bei uns für den Managerposten beworben, aber es war keiner darunter, von dem der Lions-Chef, Gerd Schröder, überzeugt gewesen wäre. Also hat er mich gefragt. Grundsätzlich hat man als Manager natürlich mehr Einfluss auf die konzeptionelle Gestaltung, auch wenn der Trainer es dann in die Praxis umsetzen muss.

Wie sieht denn Ihr Konzept für nähere Zukunft aus ?

Generell brauchen wir junge und dynamische Spieler, die auch läuferisches und technisches Potenzial mitbringen.

Darf man den Umkehrschluss ziehen, dass die aktuellen Spieler zu alt, zu langsam und läuferisch wie technisch limitiert sind ?

Tatsache ist, dass seit dieser Saison Halten, Haken und Behindern strenger abgepfiffen wird. Damit kommen Tempo und Technik besser zur Geltung, wie etwa der Erfolg der Berliner Eisbären beweist, die mit schnellem und technischem Offensiv-Eishockey trotz des allgemeinen Trends zu Defensivsystemen Erfolg haben. Die spielerischen Elemente zu stärken, um attraktiveres Eishockey zu spielen, halte ich für grundsätzlich richtig. Danach werden wir künftig die Spieler aussuchen.

Wie sieht das konkret aus ? Die Lions haben zwar nicht gerade das kleinste Budget, aber mit dem Geldadel der DEL können sie nicht konkurrieren.

Meine Idee besteht aus zwei Säulen. Zum einen wollen und müssen wir verstärkt darauf setzen, junge deutsche Spieler nach Frankfurt zu holen. Da wir uns fertige Deutsche im oberen Segment nicht leisten können, bauen wir auf Talente mit Potenzial, die Zeit bekommen, sich bei uns einen Namen zu machen...

... aber die Lions können sich es wohl kaum leisten, das Publikum darauf zu vertrösten, irgendwann einmal wieder Erfolg zu haben ?

Richtig. Unser Ziel muss ganz klar das Erreichen der Playoff-Runde sein. Deshalb müssen wir sehr sorgfältig bei der Auswahl der ausländischen Akteure sein, denn die Qualität der Kontingentspieler wird auch künftig maßgeblich für Erfolg oder Misserfolg in der DEL sein. Die absoluten Top-Stars können wir uns zwar nicht oder nur bescheiden leisten, aber ich denke an Spieler, die noch jung genug sind, etwas beweisen zu wollen, um in eine höhere Gehaltsklasse aufzusteigen. Wobei dies nicht nur eine Frage des rechnerischen Alters ist, sondern der Einstellung. Um die richtigen Typen zu finden, brauchen wir aber etwas Geduld.

Ist da nicht die Gefahr, dass sich die Lions, wie in den vergangenen zwei Jahren verpokern und zu Saisonbeginn mit leeren Händen da stehen ?

Nein, mit Geduld meine ich nicht, bis August zu warten, sondern vielleicht bis April oder Mai.

Stehen die Schlüsselpositionen wie die Center oder die Flügelspieler für die ersten beiden Reihen schon fest ?

Im Kopf ja. Ob wir die Spieler dann alle bekommen, müssen wir abwarten.

Und das alles mit reduziertem Budget, wie man hört. Wie viel Prozent weniger werden Sie denn zur Verfügung haben ?

Das werden wir in den nächsten Tagen klären, es wird sich irgendwo zwischen 10 und 20 Prozent bewegen. Aber das betrifft die gesamte Liga, alle müssen sparen.

Bleibt noch die Frage nach Ihrem Nachfolger als Trainer. Wer wird's denn ?

Kann ich noch nicht sagen, aber wir werden innerhalb der kommenden zwei Wochen die Entscheidung fällen. Denn ich finde es wichtig, die Personalentscheidungen rechtzeitig mit dem Trainer abzustimmen. Schließlich muss er mit den Leuten arbeiten.

Fällt Ihnen der Wechsel von der Bande auf den Bürostuhl schwer ?

Ein bisschen, aber als Manager bin ich ja auch mittendrin.
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