gerleipzig
10.10.2002, 10:57
In Kindereinrichtungen 4 410 Plätze fehlen / Schlechter Bauzustand / Viele Erzieherinnen über 50 Jahre alt
Von Bettina Klemm
Zwei, drei Mütter fragen täglich bei Bettina Englicht nach einem Platz für ihre Kinder. Die Leiterin der Krippe in der Gret-Palucca-Straße kann sie nur an die Beitragsstelle der Stadt verweisen. Derzeit fehlen rund 650 Plätze.
4 410 werden es in wenigen Jahren sein. Das Problem ist hausgemacht: Bei den Diskussionen um den Stadthaushalt knapsten Verwaltung und Stadtrat immer wieder Gelder aus dem Kita-Betrieb ab. Sinkende Kinderzahlen dienten ihnen als Legitimation. Krippen und Kindergärten wurden geschlossen. Das änderte sich auch nicht, als wieder mehr Dresdner Erdenbürger zur Welt kamen. Jetzt stehen Sabine Bibas, Chefin des städtischen Eigenbetriebes Kindertagesstätten und ihre Mitarbeiter vor dem Scherbenhaufen.
„Das Geld reicht hinten und vorn nicht, nicht einmal für die laufenden Betriebskosten und Instandhaltungen“, sagt Bibas. 16 Millionen Euro soll schon das Minus betragen – Verlustvortrag, wie es im Amtsdeutsch heißt.
Der Bauzustand vieler Kindereinrichtungen ist jämmerlich. Noch immer gibt es in einigen Häusern Asbest. Mit viel Mühe erhält Sabine Bibas das Geld für die Sanierung von fünf Einrichtungen. Bis alle Häuser in Ordnung sind, haben ihre jetzigen Nutzer längst eigene Kinder.
Viele Erzieherinnen sind schon im „Oma-Alter“. Seit zwölf Jahren stellte die Stadt so gut wie kein neues Personal ein. Das Durchschnittalter der 1 745 Mitarbeiterinnen liegt bei 47 Jahren.
An den Kita-Kosten beteiligen sich Eltern, Stadt und Land zu je einem Drittel – theoretisch. Denn obwohl in den vergangenen Jahren die Löhne und Betriebskosten gestiegen sind, hat der Freistaat seine Zuschüsse begrenzt. 1 615 Euro zahlt er pro Kind und Jahr. „Die Eltern kann ich bei steigenden Betriebskosten auch erst mit einer Verspätung von eineinhalb Jahren beteiligen“, sagt Bibas. So müsste die Stadt 110 Prozent der Gesamtkosten bezahlen. Sie legt aber nur 94 Prozent auf den Tisch.
Etwa 20 000 Plätze in Kindereinrichtungen gibt es Dresden. 5 500 davon sind in der Hand freier Träger. Auch für diese Plätze muss die Stadt Zuschüsse zahlen. Das gilt ebenso für private Einrichtungen, sofern sie sich an das sächsische Kindertagesstättengesetz halten.
Wie soll die Stadt das Problem fehlender Plätze lösen? In einer Anhörung hatten sich im Frühjahr Vertreter aller Parteien, Eltern und freier Träger geeinigt, das Angebot zu erweitern. In Dresden soll es auch künftig keine Beschränkungen geben, legten sie fest. Das Ergebnis: Bis 2010 sollen die fehlenden Plätze geschaffen werden. Doch das kostet viel Geld.
„Jetzt sehen wir als Stadtelternbeirat mit Sorge den sozialpolitischen Kurs der Stadt“, sagt Vorsitzender Thomas Blümel. Das Ergebnis der Anhörung, das in einer Beschlussvorlage für den Stadtrat vorliegt, schlummert nun in den Rathausstuben. Darin wurde der Kita-Betrieb beauftragt, bis 2010 die fehlenden Plätze zu schaffen. „Wir befürchten jetzt sogar, dass das gesetzlich verankerte Recht eines jeden Kindes auf einen Kindergartenplatz ausgehebelt werden soll“, sagt Elternsprecher Blümel und trommelt unermüdlich für die Kleinsten.
„Um die Plätze zu schaffen, werden Millionen benötigt. Wir können das Problem nur im Zusammenhang mit dem Haushalt für das nächste Jahr behandeln“, weicht Rathaussprecher Kai Schulz aus.
Weißeritzflut und Elbehochwasser verschlimmerten die Lage noch zusätzlich. 54 Kitas (siehe Kasten) wurden überflutet, 21 davon schwer zerstört. „Der Schaden beträgt acht Millionen Euro“, sagt Bibas. Drei Großspenden aus Hamburg, vom Fernsehsender RTL und vom Burda-Verlag ermöglichen es, die drei am stärksten betroffenen Einrichtungen, zwei in der Friedrichstraße und eine in der Conradstraße, wieder in Ordnung zu bringen. In der Krippe von Bettina Englicht ist längst wieder der Alltag eingezogen, doch im Erdgeschoss arbeiten noch die Trockner.
Sächsische Zeitung
Donnerstag, 10. Oktober 2002
Von Bettina Klemm
Zwei, drei Mütter fragen täglich bei Bettina Englicht nach einem Platz für ihre Kinder. Die Leiterin der Krippe in der Gret-Palucca-Straße kann sie nur an die Beitragsstelle der Stadt verweisen. Derzeit fehlen rund 650 Plätze.
4 410 werden es in wenigen Jahren sein. Das Problem ist hausgemacht: Bei den Diskussionen um den Stadthaushalt knapsten Verwaltung und Stadtrat immer wieder Gelder aus dem Kita-Betrieb ab. Sinkende Kinderzahlen dienten ihnen als Legitimation. Krippen und Kindergärten wurden geschlossen. Das änderte sich auch nicht, als wieder mehr Dresdner Erdenbürger zur Welt kamen. Jetzt stehen Sabine Bibas, Chefin des städtischen Eigenbetriebes Kindertagesstätten und ihre Mitarbeiter vor dem Scherbenhaufen.
„Das Geld reicht hinten und vorn nicht, nicht einmal für die laufenden Betriebskosten und Instandhaltungen“, sagt Bibas. 16 Millionen Euro soll schon das Minus betragen – Verlustvortrag, wie es im Amtsdeutsch heißt.
Der Bauzustand vieler Kindereinrichtungen ist jämmerlich. Noch immer gibt es in einigen Häusern Asbest. Mit viel Mühe erhält Sabine Bibas das Geld für die Sanierung von fünf Einrichtungen. Bis alle Häuser in Ordnung sind, haben ihre jetzigen Nutzer längst eigene Kinder.
Viele Erzieherinnen sind schon im „Oma-Alter“. Seit zwölf Jahren stellte die Stadt so gut wie kein neues Personal ein. Das Durchschnittalter der 1 745 Mitarbeiterinnen liegt bei 47 Jahren.
An den Kita-Kosten beteiligen sich Eltern, Stadt und Land zu je einem Drittel – theoretisch. Denn obwohl in den vergangenen Jahren die Löhne und Betriebskosten gestiegen sind, hat der Freistaat seine Zuschüsse begrenzt. 1 615 Euro zahlt er pro Kind und Jahr. „Die Eltern kann ich bei steigenden Betriebskosten auch erst mit einer Verspätung von eineinhalb Jahren beteiligen“, sagt Bibas. So müsste die Stadt 110 Prozent der Gesamtkosten bezahlen. Sie legt aber nur 94 Prozent auf den Tisch.
Etwa 20 000 Plätze in Kindereinrichtungen gibt es Dresden. 5 500 davon sind in der Hand freier Träger. Auch für diese Plätze muss die Stadt Zuschüsse zahlen. Das gilt ebenso für private Einrichtungen, sofern sie sich an das sächsische Kindertagesstättengesetz halten.
Wie soll die Stadt das Problem fehlender Plätze lösen? In einer Anhörung hatten sich im Frühjahr Vertreter aller Parteien, Eltern und freier Träger geeinigt, das Angebot zu erweitern. In Dresden soll es auch künftig keine Beschränkungen geben, legten sie fest. Das Ergebnis: Bis 2010 sollen die fehlenden Plätze geschaffen werden. Doch das kostet viel Geld.
„Jetzt sehen wir als Stadtelternbeirat mit Sorge den sozialpolitischen Kurs der Stadt“, sagt Vorsitzender Thomas Blümel. Das Ergebnis der Anhörung, das in einer Beschlussvorlage für den Stadtrat vorliegt, schlummert nun in den Rathausstuben. Darin wurde der Kita-Betrieb beauftragt, bis 2010 die fehlenden Plätze zu schaffen. „Wir befürchten jetzt sogar, dass das gesetzlich verankerte Recht eines jeden Kindes auf einen Kindergartenplatz ausgehebelt werden soll“, sagt Elternsprecher Blümel und trommelt unermüdlich für die Kleinsten.
„Um die Plätze zu schaffen, werden Millionen benötigt. Wir können das Problem nur im Zusammenhang mit dem Haushalt für das nächste Jahr behandeln“, weicht Rathaussprecher Kai Schulz aus.
Weißeritzflut und Elbehochwasser verschlimmerten die Lage noch zusätzlich. 54 Kitas (siehe Kasten) wurden überflutet, 21 davon schwer zerstört. „Der Schaden beträgt acht Millionen Euro“, sagt Bibas. Drei Großspenden aus Hamburg, vom Fernsehsender RTL und vom Burda-Verlag ermöglichen es, die drei am stärksten betroffenen Einrichtungen, zwei in der Friedrichstraße und eine in der Conradstraße, wieder in Ordnung zu bringen. In der Krippe von Bettina Englicht ist längst wieder der Alltag eingezogen, doch im Erdgeschoss arbeiten noch die Trockner.
Sächsische Zeitung
Donnerstag, 10. Oktober 2002