Vollständige Version anzeigen: LVZ 9.10.02 - 93 Prozent der Ostdeutschen sind für ein bundeseinheitliches Schulsystem - Presseschau - Das Forum des Gesamtelternrates Leipziger Kindertageseinrichtungen



gerleipzig
09.10.2002, 10:52
Kopfnoten für Mitarbeit, Betragen, Ordnung und Fleiß stoßen auf breite Zustimmung / Fast drei Viertel plädieren für Ganztagsschulen und einen Unterrichtstag in der Produktion

Ginge es nach den Ostdeutschen, würde die föderale Bildungslandschaft abgeschafft. 93 Prozent schlagen als Sofortmaßnahme vor, das Schulsystem in ganz Deutschland zu vereinheitlichen, weil sie sich davon insgesamt bessere Leistungen der Schüler versprechen. Diese Forderung flammte nach der Pisa-Studie von verschiedenen Seiten auf, hat aber wenig Realisierungschancen. Denn nach dem föderalen Prinzip ist Schulpolitik Ländersache. Daher hat Sachsen eben ein zwölfjähriges Abitur, während die Schüler in Brandenburg dafür 13 Jahre brauchen. Die nach Pisa geäußerte Kritik richtete sich zudem gegen die Kultusministerkonferenz (KMK), bei der alle für Schule zuständigen Ressortchefs der Länder Inhalte und Qualität abstimmen sollen, was aber oft nicht hinreichend passiert. Die KMK gilt vielen als zu schwerfällig. Bei der Forderung nach einem bundeseinheitlichen Schulsystem mit klar definierten Leistungsstandards unterscheiden sich die Anhänger der verschiedenen Parteien nur unwesentlich. So sind 97 Prozent der PDS-Wähler, 93 Prozent der CDU-Anhänger und jeweils 92 Prozent der Sympathisanten von SPD und FDP dafür. Länder mit Ganztagsschulen, wie Finnland und Frankreich, schnitten in der Pisa-Studie sehr gut ab. Fast drei Viertel der Ostdeutschen sind dafür, diese Schulform flächendeckend auch in Deutschland einzuführen. Von den Wählern der PDS plädieren vier Fünftel dafür, von denen der CDU zwei Drittel. Differenziert nach Bundesländern sind die Sachsen-Anhalter mit 58 Prozent am wenigsten für Ganztagsschulen, die Thüringer mit 78 Prozent am meisten. Die Pisa-Untersuchung ergab auch, dass in keinem anderen Land Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern so in den Leistungen zurückbleiben wie in Deutschland. 96 Prozent der Ostdeutschen fordern daher aus gutem Grund, leistungsschwache Schüler besser zu fördern. Drei Viertel fänden es zudem gut, müssten sich die Lehrer alle zwei Jahre einem Befähigungstest unterziehen. Mehr als die Hälfte wäre auch für strenge Maßnahmen gegenüber Eltern, die sich nicht genügend um ihren Nachwuchs kümmern, und gegen Schüler, die keine Lust zum Lernen haben. Wie diese Sanktionen allerdings aussehen sollten, wurde nicht weiter ermittelt. Die unter anderem vom Thüringer Kultusminister vorgeschlagene Einschulung schon mit fünf Jahren stößt auf wenig Begeisterung. Von den Eltern selbst würden dies nur sechs Prozent begrüßen. Sechs von zehn Ostdeutschen wären dafür, dass alle Kinder wie zu DDR-Zeiten acht Jahre gemeinsam lernen und das Gymnasium erst danach beginnt, so wie seinerzeit die Erweiterte Oberschule. Überhaupt sehen die Ostdeutschen einiges, was übernommen werden sollte. So erinnern sich fast 90 Prozent an die Nützlichkeit von Lernkollektiven, die Leistungsschwächeren helfen sollten. Natürlich unterstützen sich die Schüler heute auch. Das heißt allerdings eher Team statt Kollektiv und ist nicht so straff organisiert wie einst. Dass Sachsen mit dem Schuljahr 1999/2000 die Kopfnoten Ordnung, Mitarbeit, Betragen und Fleiß wieder eingeführt hat, stößt auf breite Zustimmung. 87 Prozent sind dafür, diese Verhaltensnoten generell zu erteilen. Den Unterrichtstag in der Produktion wiederzubeleben, schlagen drei Viertel der über 30-Jährigen vor, aber auch über die Hälfte der 18bis 29-Jährigen. Russisch als Pflichtfach würden allerdings nur sieben Prozent wieder einführen. 93 Prozent sagen deutlich Nein.

Anita Kecke
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